Verliebte Handtaschenräuber

Offenbach (mad) ‐ Drogensüchtig, kein Schulabschluss, kein Job, vermutlich harte Kindheit: Das sind die Umstände, aus denen ein Gericht üblicherweise Freisprüche oder Bewährungsstrafen strickt.

Bei einem vorbestraften Räuberpärchen aus Offenbach sah das Schöffengericht unter Vorsitz von Manfred Beck dafür keinen Spielraum mehr: Der 26-jährige Mann wurde zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt, seine fünf Jahre ältere Lebensgefährtin zu zwei Jahren und zwei Monaten. Hinter Gitter müssen beide nicht mehr gebracht werden, sie sitzen seit einigen Monaten in Untersuchungshaft

Die Vorgeschichte des angeklagten Überfalls auf eine Seniorin im August 2010: Beide leben seit dem Verlassen der Schule von Hartz IV, der 26-Jährige hat nach eigenem Bekunden auch kein Interesse an richtige Arbeit, die 31-Jährige ist mehrfache Mutter. Ihre Kinder leben nicht bei ihr, sondern sind in Heimen oder bei anderen Familien untergebracht. Seit vielen Jahren nehmen beide Drogen, zuletzt brauchen sie täglich rund 300 Euro zur Finanzierung ihrer Sucht.

Der Mann überfällt bereits 2006 Seniorinnen, elf Fälle sind aktenkundig. Der Jugendrichter nimmt ihn damals in Untersuchungshaft. Dort entscheidet sich der Angeklagte, eine Drogentherapie zu absolvieren. Vermutlich um ihm diese Chance zu geben, verurteilt das Jugendschöffengericht ihn zu einer verhältnismäßig milden Strafe von zwei Jahren und sechs Monaten. So kann er bald aus dem Jugendgefängnis in eine Therapieeinrichtung wechseln. Hier stellt sich aber heraus, dass der Mann keine ernsthafte Absicht hat, von den Drogen wegzukommen. Folge: Die Reststrafe verbüßt er im Jugendgefängnis, wo er kein Kokain bekommen kann und so wieder clean wird.

Wieder in Freiheit nimmt der 26-Jährige schnell wieder Drogen. Er lernt die Mitangeklagte kennen und lieben, gemeinsam sacken sie immer mehr ins Kokainmilieu ab.

An einem Tag im August 2010, sie sind wieder mal absolut blank, überfallen sie eine gebrechliche 77-Jährige vor ihrer Wohnung. Sie haben die alte Dame zuvor beim Geldabheben beobachtet. Während die Frau Schmiere steht, greift der Mann nach der Handtasche der Seniorin. Die wehrt sich, wird vom Angeklagten zu Boden gestoßen, erleidet eine Platzwunde am Kopf. Mit 400 Euro Beute entkommt das Duo. Das Geld ist kurze Zeit später in Drogen umgesetzt. Da sie von der Videoaufzeichnung der Bank erfasst wurden, könne die vorbestraften Angeklagten schnell identifiziert werden.

Während der Mann in Haft kommt, bleibt die Frau zunächst auf freiem Fuß. Anstatt dies zu nutzen, soll sie eine gleichgelagerte Tat begangen haben, wobei sie einer Seniorin Pfefferspray ins Gesicht sprühte. Dafür wandert die 31-Jährige auch in Untersuchungshaft.

Vor Gericht zeigten die beiden Angeklagten sich als verliebtes, geständiges Paar, aber ohne Betroffenheit oder echte Reue. Richter Manfred Beck sah deshalb keinen Grund die Angeklagten nochmals milde zu bestrafen. Vielmehr hielt er ihnen vor, dass sie sich gerade an einer ersichtlich körperlich schwachen Person bereicherten und dabei auch nicht davor zurückschreckten, die Frau zu verletzen.

Gegen den 26-Jährigen erging das härtere Urteil, weil er erheblich einschlägig vorbestraft ist. Richter Beck wies ihn darauf hin, dass er nicht nochmal in eine Therapieeinrichtung entlassen werden könne. Bislang sei der Eindruck entstanden, dass er das Jugendschöffengericht zum Narren gehalten habe und diesem einen Therapiewillen vorgegaukelt habe um dem Jugendgefängnis zu entgehen.

Die Frau stand zur Tatzeit auch wegen Diebstählen unter Bewährung. Ihr hielt Richter Beck vor, dass sie diese verspielt habe und damit auch die Möglichkeit, mit ihren Kindern in Freiheit zusammen zu sein.

Rubriklistenbild: © Gabi-Schoenemann / Pixelio.de

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