Vernachlässigt in bester Lage

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Ein Müllcontainer steht gestern an der Einfahrt zur Tiefgarage zum Befüllen bereit. In ihm soll der stinkende Abfall aus der Garage landen. Foto: Georg

Offenbach - Sie darf durchaus als „stadtbildprägend“ bezeichnet werden, die Immobilie zwischen Berliner Straße und Kleinem Biergrund. Allerdings nicht in jenem positiven Sinne, in dem Architekten und Planer den Begriff gerne verwenden. Von Matthias Dahmer

Denn das Gebäude, das offiziell und unübersehbar die Hausnummer Berliner Straße 48 trägt, ein verschachtelter Komplex mit Wohnungen, Läden und Gaststätten aus den Zeiten, als in Offenbach Bausünden noch als zukunftsweisend galten, ist seit Jahren schon ein Schandfleck. Lediglich Schirm-Schäfer an der Ecke zum Salzgässchen und das griechische Restaurant gegenüber dem Neubau der Sparkasse sorgen dafür, dass man noch von funktionierendem Gewerbe sprechen kann. Immerhin: Es soll besser werden. Ein neuer Eigentümer hat viel mit der Immobilie vor. Doch dazu später.

Beißender Gestank schlägt selbst an einem kühlen und regnerischen Januartag dem entgegen, der im Kleinen Biergrund an der Einfahrt zur Tiefgarage des Gebäudes vorbeigeht. Seit Monaten schon, erzählen Anwohner am Wochenende, ist das Rolltor kaputt. Vorsätzlich zerstört. Denn die Einfahrt, wissen Beobachter, diente Dutzenden südosteuropäischen Leiharbeitern als Zugang zu ihrem Matratzenlager im zweiten Stock in einem ehemaligen China-Restaurant. Acht Euro wurden ihnen pro Nacht und Matratze abgeknöpft. Ende Oktober flog das Ganze bei einer Razzia in dem Gebäude auf, die im Zuge eines Korruptionsverfahrens in der Stadtverwaltung lief.

In der Tiefgarage türmen sich Müllberge

Geblieben sind die abgedunkelten Scheiben beim Ex-Chinesen sowie ein penetranter Geruch aus der Tiefgarage. Der Redaktion am Wochenende zugespielte Fotos belegen, dass sich dort zwischen abgemeldeten Autos der Müll türmt. Der Gestank in der Garage sei seit Monaten unerträglich, Ratten würden umher huschen, die Müllabfuhr habe längst kapituliert, eine Hausverwaltung existiere nicht und keiner fühle sich verantwortlich, schimpfen die Anwohner.

Ein Fall fürs Ordnungsamt also? „Bislang nicht“, sagt dessen Leiter Peter Weigand. Seiner Behörde sei von den Zuständen in der Tiefgarage nichts bekannt. Erst wenn sich die Verhältnisse auf öffentlich zugängliche Flächen auswirkten, etwa Ratten gesichtet würden, oder wenn Wohnungen gefährdet seien, schreite das Ordnungsamt oder gegebenenfalls auch das Gesundheitsamt ein.

Weil der Zustand der Immobilie unerklärlicherweise damit immer noch als reine Privatsache gilt, ist der Eigentümer in der Pflicht. Bauherrin des Komplexes, erzählen jene, die seit Jahrzehnten im Kleinen Biergrund leben, war die 2002 verstorbene Maria Bauer aus Bieber, die die sogenannte Marmorvilla im Stadtteil ihr Eigen nannte und der geschäftliche Beziehungen ins Frankfurter Rotlichtmilieu nachgesagt wurden. Derzeit, so ist zu hören, gehört das Gebäude Berliner Straße 48 ihren Nachkommen. Bei denen ist auf Anfrage keine Stellungnahme zu bekommen.

Hoffnung auf neuen Eigentümer

Noch zurückhaltend, was Details angeht, aber zumindest grundsätzlich auskunftswillig zeigt man sich beim voraussichtlichen Erwerber der Immobilie, einem Unternehmen aus dem Kreis Offenbach. Der Eigentümer-Wechsel sei so gut wie sicher, heißt es. Die Anwohner, insbesondere der Nachbar Städtische Sparkasse, freue sich über die beabsichtigte Aufwertung. Die Pläne sehen vor, dass im Erdgeschoss weiterhin Gewerbe angesiedelt ist, Schirm-Geschäft und Restaurant bleiben. In den oberen Geschossen werden schicke Appartements entstehen, mit denen das Wohnen mitten in der City schmackhaft gemacht werden soll. Mehr wolle man derzeit noch nicht verraten, teilt der künftige Neu-Eigentümer mit.

Dass sich was bewegt in der Berliner Straße 48, belegt gestern Vormittag ein an der Tiefgaragen-Einfahrt zum Befüllen aufgestellter großer Müllcontainer.

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