Verscheuchen Kinder die Mieter?

Offenbach - Als Jutta Mittmann und Helge Dötzel vorgestern aus einem USA-Urlaub ins Nordend zurückkamen, stellten sie fest, dass offenbar auch diesseits des Ozeans fast unbegrenzte Möglichkeiten herrschen. Von Marcus Reinsch

Möglichkeiten, die sie entsetzt und umgehend ihrem Anwalt schilderten, auf dass der den gerade gestarteten Bau der an ihre „Grundstücke, Gärten, Schlafzimmer und Balkone“ grenzenden Kindertagesstätte für 50 Halb- bis Dreijährige auf dem EVO-Parkplatz an der Andréstraße aufhalten möge.

Jutta Mittmann fürchtet Lärm. Nicht den von Baumaschinen; „als nebenan ein Jahr lang das Altenheim gebaut wurde, haben wir den Baulärm ja geduldet, weil wir wussten, dass dort etwas Sinnvolles entsteht.“ Stattdessen ist ihr schon der Gedanke an „täglichen, stundenlangen Lärm vom fremden Kindern“ ein Graus. Ob es lohnen würde, solche Nöte Justitia zu klagen, ist fraglich. Vor allem, seit das Bundeskabinett Mitte Februar das Bundesimmissionsschutzgesetz um den Passus ergänzt hat, Kita-Lärm sei „im Regelfall keine schädliche Umwelteinwirkung“, könne also auch nicht aus reinen Wohngebieten prozessiert werden.

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Mittmann und Dötzel sind unbeeindruckt, schlagen Krach gegen den Lärm. Sie warten auf Rückrufe. Sie wollen Unterschriften sammeln. Und auf jeden Fall wollen sie die vermisste Benachrichtigung der Anwohner und die Baugenehmigung für das von der Stadt, von Siemens und EVO gestemmte Projekt sehen. Letztere „gibt es“, versichert auf Anfrage Rathaussprecher Carlo Wölfel. Der ist von der Kritik gegen Kinderlärm erst ehrlich erstaunt, lobt dann ausdrücklich „Betriebe, die sich in der Kinderbetreuung engagieren“, und versichert schließlich mit einigem Trotz, die Stadt werde nicht nur allen Angriffen gelassen entgegen, sondern sogar „alles in ihren finanziellen Kräften Stehende tun, um weitere solche ‘lärmimmitierenden‘ Einrichtungen zu schaffen“.

Zumindest im Nordend stehen die Zeichen also auf Konfrontation. Die Beschwerdeführer besitzen dort Mietwohnungen, sehen davon noch mehr als jetzt wegen der offenbar als künftigen Standort-Makel empfundenen Kita mieterlos. Und am schlimmsten werde es das Elisabeth-Maas Haus treffen, holt Jutta Mittmann aus. „Die meisten Bewohner sind schwer pflegebedürftig und brauchen Ruhe.“

Wie sie darauf kommt, ist der Einrichtungsleiterin Dagmar Tripmacker schleierhaft. „Wir sind informiert worden, dass es laut wird, wenn der EVO-Parkplatz abgefräst wird“, sagt sie. „Dass dann Kinder kommen, empfinden wir nicht als drohende Lärmbelästigung, sondern als Bereicherung. Viele hier hören nicht mehr so gut. Aber da können unsere Bewohner den Nachwuchs eben von den Fenstern aus beobachten.“

Die Kita wird also von allen Nachbarn gut im Auge behalten werden. Von Senioren mit Wohlwollen, von Jutta Mittmann eher anders. „Wir könnten hier so schön wohnen“, sagt sie. „Aber man muss sich immer aufregen.“

Rubriklistenbild: © Andrea Kusajda/pixelio.de

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