Verschworene Siedler

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Gertrud Marx ist Vorsitzende der Siedlergemeinschaft Tempelsee und SPD-Stadtverordnete.

Offenbach - Ein lauer Sommerabend bei „Uncle Frank“. Dutzende Gäste sitzen auf der Terrasse, speisen, reden, lachen. Vor dem Vereinsheim trainiert das Fußballteam, etwas weiter schweift der Blick über die Dächer der Siedlung.Von Martin Kuhn

Am Nachbartisch beißt jemand in die knusprige Pizza Parma e Rucola. „Uncle Frank“ ist, anders als der Name irrtümlich suggeriert, kein Anglo-Amerikaner, sondern Italiener – und offenbar ein Glücksgriff für den Verein. Die Gaststätte ist mehr als ein Anlaufpunkt für die 1927 gegründete Gemaa.

Gertrud Marx, Chefin der Siedlergemeinschaft, kommt hintenrum, nicht durch den Haupteingang: „Der Weg der Eingeborenen“, flachst sie. Obwohl sie kein gebürtiges Gemaa-Kind ist. Sie ist vor Jahren in den Süden gezogen; ihr Mann ist Offenbacher, sie ist Steinheimerin. Die große Gemeinschaft hat die Familie aufgenommen. Und ja, diese oft beschworene Gemeinschaft, in den 1920er Jahren sozusagen die Keimzelle, gibt es immer noch. „Man kümmert sich; das muss man wissen“, sagt Gertrud Marx und spricht so auch für die zirka 280 Mitglieder der Siedlergemeinschaft.

Erinnert an bekanntes gallisches Dorf

Eine verschworene Gruppe unter gleichförmigen roten Dächern – das erinnert an ein bekanntes gallisches Dorf. Soweit will Marx nicht gehen: „Das ist ein enger Bereich mit Vor- und Nachteilen.“ Und es ist wieder einmal Zeit für einen Generationswechsel. Marx weiß von mindestens drei Siedlerhäusern, die derzeit zum Verkauf stehen.

An Kinzigweg, Niddaweg, Weserstraße oder Elbestraße ist aber auch zu erkennen, dass die ursprünglichen Häuser vielen mit den Jahren zu eng geworden sind. Diverse Anbauten zeugen von zunehmendem Raumbedarf – die eine oder andere ästhetische Sünde inbegriffen. Es fehlte ein verbindlicher Bebauungsplan, wie er an anderen Stellen des Stadtgebiets in enge Vorgaben zwingt.

Tempelsee ist lebenswert

Dennoch ist Marx nach wie vor von Tempelsee angetan: „Es ist lebenswert.“ Vorteile für Familien mit kleinen Kindern: Viel Grün, zwei Kitas, eine Grundschule. Das sieht eine Familie, die den Umzug in die eigenen vier Wände vorbereitet, genauso und ergänzt: „Sowohl Waldschule als auch Buchhügelschule sind gut zu Fuß erreichbar; und in der Stadt ist man mit dem Fahrrad in zehn Minuten.“ Und nicht allein der eigene Garten lockt: Auch der Blick auf Kleingärten und Wetterpark komplettiert für sie die grüne Lage.

Zur Nahversorgung gibt es einen Bäcker, einen Friseur, eine Volksbank. Und jetzt kommt das Manko: „Ein kleiner Lebensmittelmarkt in unserem kleinen Zentrum hat sich nicht gelohnt“, bedauert nicht nur Marx. Der hat vor geraumer Zeit seine Türen geschlossen. Dass ein neuer Laden öffnet, gilt als unwahrscheinlich. Im übertragenen Sinn schließt sich der Kreis. Den heute zentral gelegenen Platz tauften die ersten Siedler Prärie. Und da wäre noch der Fluglärm – aber den gibt es ja mittlerweile über ganz Offenbach.

Große politische Themen sind selten

Große politische Themen sind selten im Süden. Allerdings ist eine gewisse Hartnäckigkeit oder Pfiffigkeit der Tempelseer verbürgt. Als 1929 eine Lichtleitung für das Grundelsche Grundstück (Kerbplatz) benötigt wurde, sollte das 3500 Mark kosten. Durch geschickte Verhandlungen drückten die Siedler die Summe auf 700 Mark. „Da war man in der Gemaa noch nie zimperlich“, heißt es.

Mal sehen, wie es 2012 mit der Sanierung der Weiher weitergeht. Gertrud Marx spricht sich gegen eine mögliche Verfüllung aus: „Das Gewässer war vor 80 Jahren ein Geschenk für die Siedler. Viele haben dort schwimmen gelernt. Das nimmt man nicht so einfach weg.“

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