Versöhnung vor Gericht

Darmstadt - Was genau sich in den frühen Morgenstunden des 3. September 2008 auf der Wiese vor dem Theresienwohnheim zugetragen hat, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Und warum es überhaupt zu der blutigen Auseinandersetzung kam, ist auch völlig unklar. Von Dennis Düttmann

Sicher ist jedoch, dass Omed A. kurz darauf mit einer tiefen Stichverletzung im Bauch und mehreren Schnitten im Gesicht und den Armen zur Not-Operation ins Krankenhaus eingeliefert wurde und Zivilfahnder Dinkatu Z. im Treppenhaus vor der elterlichen Wohnung festnahmen.

Beim Prozessauftakt vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt versuchte Richter Thomas Sagebiel gestern, den Tatverlauf Stück für Stück nachzuvollziehen, die Vorgeschichte des Angeklagten offen zu legen und sich ein Bild von der Lauterborner Clique zu machen, der offenbar sowohl der Täter als auch das Opfer zuzurechnen sind.

Das erwies sich als mühsames Geschäft: Eine Zeugin vermischte derart kreativ Tatsachen und Vermutungen, dass Sagebiel schließlich völlig genervt eine Kollegin mit der weiteren Befragung beauftragte. Neben dem versuchten Totschlag sollen in dem Prozess auch zwei Körperverletzungsdelikte aus den Jahren 2007 und 2008 verhandelt werden.

Verteidiger Tobias Schmelz stellte zunächst den Tatverlauf aus Sicht seines Mandaten dar: Gegen zwei Uhr nachts sei der damals 18-Jährige zu dem Appartement einer Bekannten auf dem Gelände des Theresienwohnheims gegangen und habe geklingelt. Die Tür wurde von dem damaligen Freund des Mädchens, Omed A., geöffnet. Dieser habe Dinkatu Z. aufgefordert zu gehen und ihm gedroht, ihm am nächsten Tag eine Abreibung zu verpassen. Daraufhin besorgte sich der Angeklagte bei einem Bekannten ein Klappmesser und ließ sich von einem Freund wieder zum Theresienheim fahren. Als er erneut an der Tür des Appartements klingelte, kam es zu einer Schlägerei, in deren Verlauf er das Messer zückte und zustach.

Die Verhandlung dreht sich nun vor allem um die Frage, wer die Schlägerei begonnen hat oder ob sogar beide mit einer körperlichen Auseinandersetzung einverstanden waren. „Ich wollte nur reden und die Sache aus der Welt schaffen, aber Omed ist gleich auf mich los gegangen“, erklärte Dinkatu Z. Der Geschädigte gab hingegen an, Angst gehabt zu haben, weil der Angeklagte mit drei Freunden aufgetaucht sei.

Einer der Begleiter von damals sagte als Zeuge aus und hatte noch eine ganz andere Version zu bieten: „Ich bin in die Wohnung gegangen und habe Omed gefragt, ob er Mann gegen Mann gegen Dinkatu boxen will. Dann sind beide auf die Wiese gegangen und es ging los.“ 

Opfer nimmt Entschuldigung des Täters an

Ob nun spontaner Schlagabtausch oder verabredete Schlägerei - der Angeklagte räumte ein, mit dem Messer mindestens einmal zugestochen zu haben. „Es tut mir leid“, sagte er in einer Verhandlungspause und streckte Omed A. die Hand entgegen. Der ergriff sie und die beiden jungen Männer umarmten sich kurz.

Was während der nächsten Verhandlungstage noch zu klären sein dürfte, ist die Frage der Schuldfähigkeit. Dinkatu Z. berichtete bei der Verhandlung von Halluzinationen, Anfällen und Angstzuständen während seiner Untersuchungshaft. Zwischenzeitlich war er in einer Klinik in psychiatrischer Behandlung - heute nimmt er täglich Tabletten, alle zwei Wochen wird ihm zusätzlich eine Depotspritze mit lang anhaltender Wirkung gesetzt. „Bevor die Medikamente eingestellt wurden, war er völlig apathisch und hat kaum gesprochen. Ich kam einfach nicht an ihn heran“, sagte seine Bewährungshelferin. „Jetzt ist er wie ausgewechselt.“

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