Verspätete Spurensuche

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Gruft, Grab, Gewölbekeller? Was der Bürgeler Walter Süssig da unter seinem Fachwerkhaus säuberlich freigeräumt hat, ist nicht genau zu datieren. Museumsleiter Dr. Jürgen Eichenauer nahm den Raum in Augenschein und ist mit einer Einschätzung vorsichtig.

Bürgel  - Das Haus der Stadtgeschichte hat eine neue Attraktion: Eine archäologische Fundortkarte stellt erstmals die vor- und frühgeschichtlichen Funde auf Offenbacher Gebiet dar - gegliedert nach Epochen und Fundgruppen. Von Martin Kuhn

Muss die Tafel kurz nach der Installation überarbeitet werden? Walter Süssig hat unter seinem Haus an der Niedergasse ein Gewölbe entdeckt, das aus senkrecht gesetzten Steinen und Basaltbruch gemauert ist. „Eine Art Gruft, vielleicht aus der Frankenzeit“, sagt der Bürgeler. Skeptischer zeigt sich Dr. Jürgen Eichenauer, Leiter des lokalen Geschichtshauses. „Ich wäre da vorsichtig...“ Zumal der eigentliche Fund gut 25 Jahre zurückliegt. „Aber erst jetzt habe ich ein kleines Faible für alte Sachen entwickelt“, sagt Süssig.

Das bestätigt ein Blick in das Haus, das laut städtischer Denkmaltopographie ebenfalls als historisch einzuordnen ist: Die Experten ermittelten eine Datierung auf 1611, „die sich auf ein zweitverwendetes Holz bezieht, da die freiliegende Fachwerk-Konstruktion eher in das frühe 18. Jahrhundert zu datieren ist“. In den Zimmern hat der ehemalige Werkpädagoge einiges angesammelt, was seinem Hobby Tauchen geschuldet ist. Aus den Tiefen des Mittelmeeres holte Walter Süssig etwa einen Ankerblock aus Blei, der einem römischen Schiff zugeschrieben wird. Er ziert neben anderen Fundstücken eine Vitrine in der Bürgeler Stube.

Was er aber in erster Linie dem Museumsleiter präsentiert, liegt versteckt unter einer etwa 60 x 60 Zentimeter messenden Stahlplatte im Hof des Anwesens. Süssig hat das säuberlich und professionell erschlossen über eine fest verankerte Sprossenleiter und elektrischer Beleuchtung. Nahezu zwei Meter unter Bodenniveau geht’s durch einen kleinen Knick ins Gewölbe, in dem man höchstens knieen kann: „Da könnten zwei Menschen nebeneinander liegen.“ Seine These, dass es sich um eine Art Grablage handeln könnte, stützt der Bürgeler auf Knochen, die er bei der umfangreichen Sanierung Mitte der 80er Jahre gefunden hat. Mit Fotos sind Arbeiten und Details dokumentiert.

Bürgel ist alter Siedlungsgrund

Dr. Eichenauer ist weniger euphorisch. Für die Frankenzeit (etwa 5. bis 9. Jahrhundert) übliche Grabbeigaben fehlen. Die menschlichen Überreste? „Bürgel wurde im dreißigjährigen Krieg letztlich dem Boden gleichgemacht.“ Was mit den Opfern der verheerenden Kriegshandlungen gemacht wurde, mag man sich heute kaum vorstellen. Zudem forderten Hungersnöte und Seuchen ihren Tribut unter der Bevölkerung. Solche Funde verwundern ihn nicht: „Bürgel ist alter Siedlungsgrund.“

Weitaus interessanter sind für den Museumsleiter daher Münzen, die Süssig in der Niedergasse gefunden hatte - beispielsweise 2 Kreutzer von 1737 (Bild) aus Baden-Durlach. „Das ist ein interessanter Hinweis auf den Münzumlauf zur damaligen Zeit.“ Er spielt auf den „Bürgeler Münzfund“ an, der in der Herrnstraße 61 zu sehen ist. Dank des Numismatikers Hans Möller konnten Münzen einer Sammlung bestimmt werden, die aus einem Abbruchhaus in der Bürgeler Stiftstraße stammen. Versteckt waren die Münzen unter einer Steinplatte in einem irdenen Töpfchen.

Mit bedeutsamem archäologischen Funden hat das freilich wenig gemein. Dr. Eichenauers Appell gilt daher allen Offenbachern, die im Erdreich oder auf dem Speicher vermeintlich historische Funde aufstöbern: „Bitte zeitnah Experten hinzuziehen.“ Die weit verbreitete Angst, dass solche „Schätze“ sofort abzugeben sind, seien unbegründet,

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