Versuchskaninchen gesucht

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In der Rhein-Main-Region wird in den nächsten fünf Jahren eine groß angelegte Lärmwirkungsstudie erarbeitet.

Offenbach (mk) - Unterm Fluglärmteppich öffnet keiner gerne die Fenster. Bei der Gartenfete stockt alle 44 Sekunden das Gespräch, wenn die Jets zur Landung ansetzen.

Der Offenbacher Süden, eigentlich mit viel Grün umgebenes Wohnquartier, lebt, besser: leidet, seit Jahrzehnten mit und unter der selbst ernannten Jobmaschine Rhein-Main. Wenn es um die Auswirkung von Fluglärm geht, braucht es dort keine Studien.

Manche Anwohner in Lauterborn oder auf der Rosenhöhe dürften nur mit Unverständnis den Kopf schütteln, wenn sie hören, dass sie Studienobjekte für eine Uni werden sollen. Und doch wird’s so kommen, wie die Stadt gestern vermeldet: In der Rhein-Main-Region wird in den nächsten fünf Jahren eine groß angelegte Lärmwirkungsstudie erarbeitet. „Die Auswirkungen des Verkehrslärms sollen wissenschaftlich erforscht werden.“

Interessenten werden gebeten, sich in den nächsten Tagen an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin - 51170 Köln unter dem Kennwort NORAH, Abt. ME-FP, zu wenden. Bewerbungen oder Anfragen auch per E-Mail unter norah-Studie@dlr.de

Die Untersuchung fragt auch nach der Beeinträchtigung der Lebensqualität durch Fluglärm und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken. Damit man nach der Veröffentlichung der Ergebnisse nicht meckern und den Wissenschaftlern eine falsche Probanten-Auswahl vorwerfen kann: Gerade aus den Stadtteilen Tempelsee, Lauterborn und Rosenhöhe werden noch Teilnehmer für die Studie gesucht. Die Analyse wird von namhaften Experten der Lärmwirkungsforschung unter Leitung der Ruhr-Universität Bochum erarbeitet. Finanziert wird das Projekt zu großen Teilen vom Land Hessen. Regierung und Opposition haben einen entsprechenden Beschluss im Landtag parteiübergreifend gefasst. Mittel kommen aber auch von den Kommunen und Fraport.

„Trotz unterschiedlicher Auffassungen über Ansatz und Methoden, die es auch weiterhin gibt, hat man sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt, damit die Ergebnisse auch von allen anerkannt werden“, erläutert Stadtrat Paul-Gerhard Weiß. Ein weiteres Team von Wissenschaftlern, darunter der bisher für Offenbach tätige Lärmphysiker Dr. Christian Maschke, übernehme die Qualitätssicherung.

Die Studie beschäftigt sich in drei sogenannten Modulen mit „Belästigung und Lebensqualität“, „Gesundheit“ und „Lärmwirkungen bei Kindern“. In den besonders fluglärmbelasteten Gebieten werden in den Sommermonaten der Jahre 2011 bis 2013 in jeweils drei aufeinanderfolgenden Nächten Lärm und Schlafverhalten gemessen.

Der Offenbacher Süden gehört zu den am stärksten von Fluglärm belasteten Gebieten rund um den Frankfurter Flughafen. Deshalb sei es wichtig, dass Menschen aus diesen Vierteln die Feldstudie unterstützen, so Weiß. Einige Anmeldungen liegen bereits vor, doch würden noch weitere Interessenten gesucht. Die Kommunen gehen übrigens davon aus, dass sie ihren vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel erzielten Erfolg in Sachen Nachtflugverbot vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig behaupten und erweitern können. Diese Entwicklung werde von der Studie berücksichtigt, die dann auch Vergleiche zwischen den Auswirkungen der Lärmsituation vorher und nachher auswerte.

Die Teilnehmer erhalten für jeweils drei Untersuchungsnächte eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 210 Euro. Allerdings müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein: Wer mitmacht, muss mindestens 18 Jahre alt sein, über ein Jahr in der Gegend wohnen, nicht mit Kleinkindern zusammen leben, keine Herzrhythmusstörungen oder chronische Kopfschmerzen haben.

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