Versunken in den Tiefen der Stadtgeschichte

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Die Domstraße um 1894. Als Orientierungshilfe dient im Hintergrund die Französisch-reformierte Kirche. Der Rest ist versunken in den Bemühungen, eine moderne „Durchbruchstraße“ zu schaffen.

Offenbach - Das uns vertraute Offenbach ist nicht mehr die Stadt, die der vorangegangenen Generation vertraut war. Nehmen wir zum Beispiel die Domstraße, die ihr östliches Ende an der Kaiserstraße findet. Von Lothar R. Braun

Nur wer dazu alt genug ist, weiß noch, dass sie einst weiter führte bis vor die 1718 am Rand der Altstadt fertiggestellte Französisch-reformierte Kirche. In den 1960er Jahren löste dieses Teilstück sich auf in einem Projekt, das zunächst „Durchbruchstraße“ hieß und dann den Namen Berliner Straße erhielt. Die Domstraße verlor dabei ihren ältesten Teil und bemerkenswerte Erinnerungsstätten.

Freilich, manches aus ihrer Geschichte war bereits verschwunden, bevor die Bagger anrückten. Nur wenige wussten da noch von der Gastwirtschaft „Zu den Drei Königen“, die nahe der Kirche Bier braute und ausschenkte. In der unruhigen Zeit um 1848 war sie ein Treffpunkt der vom revolutionären Fieber erfassten Turner. Wacker kämpften sie am Biertisch gegen Fürstenmacht. Aber als die Hanauer Turner 1849 ihre Offenbacher Gesinnungsgenossen zur letzten Schlacht in Baden mitnehmen wollten, zogen die es vor, erst einmal daheim abzuwarten. In der Domstraße traf der Hohn der Hanauer in Form einer Schlafmütze ein.

1848 der Offenbacher „Arbeiterbildungsverein“ gegründet

Immerhin aber ist dieses Wirtshaus auch der Ort, in dem am 15. April 1848 der Offenbacher „Arbeiterbildungsverein“ gegründet wurde, die erste Organisation der Arbeiterbewegung. Gewerkschaften und politische Linke können an der Domstraße ihre lokale Keimzelle sehen. Der Verein sah seine Aufgabe darin, „den Erzeugern der menschlichen Produkte ihre gebührende Stellung in der menschlichen Gesellschaft zu verschaffen“.

Am Rand des Büsingparks aufgeschichtete Lithosteine markieren den Standort der Notendruckerei des Anton André. Dorthin holte er 1799 aus München den Erfinder Alois Senefelder, damit der seine Lithografie vervollkommnen konnte, zum Nutzen des Hauses André, der Drucktechnik, der Musikkultur und der bildenden Kunst. Es ist überliefert, dass auch Mozart Gast war in dem Haus an der Domstraße, aus dem eine neue Kunsttechnik in die Welt ging.

Schriftstellerin Sophie von La Roche

An das Andrésche Grundstück grenzte die „Grillenhütte“ der Schriftstellerin Sophie von La Roche. 1807 ist sie dort gestorben. Goethes Mutter fand bei ihr Zuflucht, als im Juli 1795 französische Truppen Frankfurt bombardierten und eroberten. Zwei Jahre danach, am 11. August 1797, kehrte ihr schon berühmter Sohn Wolfgang dort zu einem Besuch bei der La Roche ein, über den er seinen Freunden jedoch wenig erfreut berichtete.

Einige Jahre lang war das Haus der La Roche von ihrer jungen Enkelin Bettina Brentano belebt. Am 11. Juli 1800 will der quirlige Backfisch aus der Dachluke das Gefecht an der Kreuzung Domstraße und Kaiserstraße beobachtet haben, bei dem deutsche Truppen die Franzosen vorübergehend nach Sachsenhausen zurückdrängen konnten. Zwei Franzosen, zwei Würzburger und ein Österreicher fanden dabei den Tod. Dabei, so ist es überliefert, habe Bettina einen versprengten und verletzten Franzosen im Holzstall versteckt und versorgt, bis er sich nachts über den Main retten konnte. Als er sich dankbar verabschiedete, erhielt die spätere Berühmtheit Bettina den ersten Männerkuss ihres Lebens.

Offenbacher Polizeidirektion untergebracht

Wo sich Berliner Straße, Kaiserstraße und Büsingpark zu einer Ecke treffen, stand bis etwa 1960 eine Villa, in der zuletzt die Offenbacher Polizeidirektion untergebracht war. In der napoleonischen Zeit lebte dort die Familie des französischen Generals Albert, der freilich mehr auf Feldzügen als zu Hause war. Er war in Offenbach hängengeblieben, weil er hier die Nichte Lili des Fabrikanten Peter Bernard geheiratet hatte, der im Büsingpalais lebte. Davon ist zu reden, weil das Ehepaar Albert eine Tochter hatte, durch die neues Geld in die Domstraße floss.

Das Geld kam, als die Albert-Tochter den Antwerpener Kaufmann Christian Lemmé heiratete. Er drückte der Domstraße einen Stempel auf, den man noch heute sieht. Es sind die 1858 westlich der Kaiserstraße erbauten „Lemméschen Häuser“. Vier Häuser waren das, von denen die Offenbacher Denkmaltopographie sagt, sie seien „die erste großstädtische Bebauung in Offenbach“ gewesen. Zwei davon – nun mit den Hausnummern Berliner Straße 139 und 141 - haben den Krieg heil überstanden und erzählen davon, wie stets das eine mit dem anderen zusammenhängt. Niemandem indes erklären sie das Kuriosum, dass an die Berliner Straße 141 die Domstraße mit der Hausnummer 58 anschließt. Die Anlieger 1 bis 57 sind in den Tiefen der Stadtgeschichte versunken.

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