Vertrauen zurückgewinnen

+
Im Hafen-Gebäude hätten auch frühere Polit-Generationen gerne diskutiert.

Offenbach - Wenn in den siebziger Jahren die Vertreter parteipolitischer Jugendorganisationen zusammen an einem Tisch saßen, dann oft nur zum Zweck, einander ausgelassen zu beschimpfen. Die Jungsozialisten (Jusos) galten der Jungen Union (JU) als irrlichternde Marxisten. Von Stefan Mangold

So weit links platziert, dass es ein Juso-Vorsitzender wie Gerhard Schröder seinen SPD-Genossen Helmut Schmidt tüchtig zu nerven verstand. Die Jungdemokraten der FDP trieben es durch ihre Forderung nach legalem Kiffen und der Ablehnung der Raketenstationierung schließlich zu bunt. Die Partei verlor die Geduld und schickte mit den Jungen Liberalen (Julis) eine neue Nachwuchsorganisation ins Rennen. Die Junge Union (JU) wiederum galt dem linken Spektrum als Club der Angepassten, die ihren Vorsitzenden niemals ärgerten und auf Parteitagen „Helmut, Helmut“ skandierten.

Zum „Ring politischer Jugend Offenbach“ (RPJ) gehört neben Jusos, JU und Julis heute auch ein Vertreter der Jugendorganisation der Grünen (GJO). Statt einander ständig zu treten, treffen sie sich regelmäßig in einem Raum am Hafen 10, dessen alte Sofas und Sessel die Gemütlichkeit von früheren Partykellern verströmen. „Einen Boden wollen wir noch legen“, sagt Karl Kosilo, aktiv in der JU und Vorsitzender des RPJ. Fraglich, ob sich das noch lohnt. Das Gebäude wird dem Hafenviertel weichen.

Jetzt verabredete sich Offenbachs parteipolitische Jugend dort wieder, um zu diskutieren: „Was kann gegen die niedrige Wahlbeteiligung unternommen werden?“ An der Stichwahl zum Oberbürgermeister im September hatten nur knapp über 24 Prozent der Stimmberechtigten teilgenommen. Die hier sitzen, haben sich nichts vorzuwerfen. Sie gehen dorthin, wo es weh tut. Während des Kommunalwahlkampfs „gaben wir morgens bei Minustemperaturen einander vor Schulen die Hand“, erinnert sich der Juso-Vorsitzende Martin Wilhelm an Momente gemeinsamen Fröstelns mit den ebenfalls Flyer verteilenden Widersachern der JU. „Wir haben viel gemacht“, bestätigt der JU-Vorsitzende Marc-Oliver Junker. Und Matthias Heusel von den Julis bezweifelt, ob die klassischen Wahlkampfmittel wie Flugblätter und Plakate überhaupt so zünden, wie sich das Parteien erhoffen. So habe die FDP in Offenbach bei den Kommunalwahlen eifrig plakatiert. In manchen Kreisstädten jedoch gar nicht. Signifikant hätten sich „die Ergebnisse nicht unterschieden“. Ohnehin wüssten nicht viele, „worum es bei Kommunalwahlen überhaupt geht“.

Alle Vertreter beobachten bei ihren Schulbesuchen politische Unkenntnis. Welche Parteien in der Koalition im Bund regierten, wüssten nur wenige. Den Grünen Martin Tremmel (17) ärgert es, trotz seines Engagements noch nicht wählen zu dürfen. Er schlägt vor, das Stimmalter auf 16 zu senken: „Die Desinteressierten bleiben ohnehin zu Hause.“ Der Holzbetriebswirt Marc-Oliver Junker (24) gibt sich wie ein alter Hase: „Die Politik muss die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.“ Er selbst dürfe als Chef in einer Offenbacher Holzhandlung seine Mitarbeiter nicht belügen. „Vertrauen zurückzugewinnen ist sehr, sehr schwer“, referiert der adrette junge Mann mit Seitenscheitel vor Andre Veit, dem stellvertretenden Stadtschulsprecher. Der engagierte Gymnasiast sucht im Moment nach der Partei, deren Programm zu seinen Ansichten am besten passt. Jedenfalls lässt es sich nach wie vor durch Habitus und Erscheinung trefflich spekulieren, wer welchem Lager angehört.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare