Verwirrendes Nachspiel

Offenbach/Gravenbruch - Hätte der Schiri damals, am 24. November 2007, die zweite Halbzeit der A-Jugend-Begegnung zwischen der SSG Gravenbruch und der TSV Heusenstamm nicht angepfiffen, wäre wohl alles anders gekommen. Von Marcus Reinsch

Der TSV-Mittelfeldfußballer Michele A., 19, hätte keinen Schlag ins Gesicht bekommen. Sein Vater Santo, 49, wäre nicht im Krankenwagen gelandet. TSV-Torwart Sebastian Müller, 18, könnte heute noch glauben, dass Besonnenheit zu Unversehrtheit führt. Der Physiker Dr. Dieter Müller, 51, hätte niemals herausfinden müssen, dass nach einem lebensgefährlichen Schädelbasisbruch Hirnflüssigkeit aus der Nase laufen kann.

Und vor dem Offenbacher Jugendschöffengericht hätte gestern nicht ein juristisches Nachspiel begonnen, das mehr Beteiligte hat als ein Fußballspiel: Sechs Angeklagte, sechs Verteidiger, drei Nebenkläger und ihre Anwälte, mehr als 14 Zeugen - in Sachen Überblick hat es der Jugendrichter Herbener viel schwerer als vor eineinhalb Jahren der Schiedsrichter.

Der Unparteiische auf dem Sportplatz in Gravenbruch hatte damals keinen Grund, die zweite Halbzeit nicht anzupfeifen. Die erste war friedlich verlaufen, und dass ein paar Spieler nicht nur gegen den Ball treten würden, sondern später auch immer wieder gegen Dieter Müllers Kopf, dafür mehrten sich die Vorzeichen erst, als die TSV-Kicker ihren 0:2-Rückstand in ein 2:3 wandelten: Gravenbrucher Fans pöbelten, Spieler beleidigten, der Schiri schickte einen SSG-Mann vom Platz und einige Zuschauer vom Gelände. Es fielen trotzdem Tore, und nach der Partie, als die Stimmung trotz Duschen in den Umkleiden immer noch aufgeheizt und aggressiv war, soll auch ein Wort gefallen sein, das die Situation endgültig eskalieren ließ: „Schlampe!“.

Gesagt haben, so machte es in der Dunkelheit der Gasse zwischen Sportgelände und Gästeparkplätzen die Runde, soll das der Heusenstammer mit der „8“ auf dem Trikot über Sabrina D., die Schwester des Angeklagten Nandino D.. Und gerächt haben sollen das neben D. auch die Gravenbrucher Dennis S., Emre S., Erkan U., Kayahan D. und Ronny C..

Die Anklage wirft ihnen schwere Körperverletzung vor. Dass der Fall vor dem Jugendschöffengericht landete und nicht vor einem Schwurgericht, erklärte Richter Herbener, dürfe die Jugendlichen durchaus dankbar stimmen. Michele A. kam zwar mit einem Schlag ins Gesicht, einem Schock und der Gewissheit davon, wenigstens seinen damals neunjährigen Bruder aus der Gefahrenzone geholt zu haben. Und Santo A. und Sebastian Müller erwischte es mit Beulen, Platz- und Schürfwunden sicher schlimm, aber ohne bleibende Schäden.

Doch die Verletzungen von Dieter Müller, die seien akut lebensbedrohlich gewesen, bekräftigte Herbener. Die laufende Nase, die Müller am Abend nach der Aufregung in Gravenbruch noch für die ersten Symptome einer Erkältung gehalten hatte, brachte ihn am nächsten Morgen ins Offenbacher Stadtklinikum, dann unters Messer von Spezialisten der Frankfurter Uniklinik und für Monate weit weg von seiner Forschungsarbeit.

Zu klären, wer genau ihm das angetan hat, wird Hauptaufgabe der Verhandlung sein. Drei Angeklagte sind bisher stumm geblieben. Und die drei, die ihre widersprüchlichen Versionen des Geschehens preisgaben, wollen maximal hier ein bisschen geschubst, dort ein wenig gehauen und ansonsten nur als Randerscheinungen bemüht gewesen sein, den Streit „der anderen“ zu schlichten.

Dass sich der schon zu Boden gegangene Dieter Müller nicht selbst gegen den Kopf getreten haben kann und Zeugen von gleich mehreren dunklen, tretenden Gestalten berichteten, hat in den Juristen ein geradezu pathologisches Interesse an der Frage geweckt, wer wann wo mit wem stand und was er tat. Das im Gerichtssaal herauszufinden, scheiterte. Also geht die Verhandlung in die Verlängerung. Im Juni gibt es einen Ortstermin in der Gasse, wo sich das Fußballdrama abspielte.

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