„Man muss wohl nur brachial genug auftreten“

Verwunderung über Park-Anarchie vor der Stadthalle

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Drinnen wurde geboxt, draußen der Vorplatz der Stadthalle komplett als Abstellfläche für Privatautos missbraucht.

Offenbach - Unter deutlicher Beobachtung von Ordnungskräften ist eine große Boxveranstaltung in der Stadthalle ohne jeglichen Zwischenfall über die Bühne gegangen. Die Polizei hatte sich auf ein Publikum aus dem möglicherweise rivalisierenden Rockermilieu vorbereitet. Von Thomas Kirstein

Im Nachgang werden Irritationen wegen des Zulassens von Park-Anarchie laut. So wie am Abend des 26. Februar hat sich der Vorplatz der Offenbacher Stadthalle wohl noch nie präsentiert – als große Autoabstellfläche für Besucher aus der gesamten südlichen Republik. Verbotszeichen und Poller wurden massenhaft ignoriert: Parkplatz bis fast an die Treppe zum Foyer. Und das zur Verwunderung von anständig parkenden Gästen, Passanten und Nachbarschaft praktisch unter den Augen einer scheinbar nicht interessierten Polizei. Frank S. aus dem Brunnenweg ist einer, der sich darüber aufregt, wie ein gewisses Klientel aus seinem Blickwinkel unter bestimmten Umständen wild parken durfte, ohne dass sichtbar Konsequenzen folgten.

„Ansonsten kriegt doch hier jeder, der ein bisschen falsch steht, ein 50-Euro-Knöllchen oder wird abgeschleppt!“, schimpft der Offenbacher, „man muss wohl nur brachial genug auftreten.“ Am Boxring, in dem sich die Halbschwergewichtler Avni Yildirim und Walter Sequeira prügeln, stehen an diesem Abend nach Erkenntnissen der auch verdeckt ermittelnden Polizei etliche Sportfreunde, die dem kriminellen Rockermilieu angehören. In der Halle verläuft der Abend übrigens völlig harmlos und gesittet. So kann auch eine Gerichtsvollzieherin nach Informationen unserer Zeitung mühelos die Rolex eines der Veranstalter pfänden. Draußen dokumentiert Anwohner Frank S. nicht nur mit seiner Kamera, was ihn erbost, er sucht auch das Gespräch mit den „in ordentlicher Stärke“ anwesenden uniformierten Beamten. Die warten an der nahe gelegenen Tankstelle, wie sich die Dinge in der Stadthalle entwickeln. Von einem der dortigen Vorgesetzten will S. gehört haben, die Kräfte hätten Anweisung, nichts zu tun, was jemanden provozieren könne.

Polizeisprecher Ingbert Zacharias weist das zurück, von einem solchen Befehl sei nichts bekannt. Auf keinen Fall in Zusammenhang mit dem wilden Parken: Das sei überhaupt ausschließlich Sache des städtischen Ordnungsamts gewesen, der Stadtpolizei obliege es, den ruhenden Verkehr zu überwachen. Offenbachs Ordnungsamtschef Peter Weigand mag sich zwar nicht die alleinige Zuständigkeit zuschieben lassen, bestätigt aber, dass seine Beamten an der Stadthalle unterwegs waren. Zirka 50 gebührenpflichtige Verwarnungen sind demnach ausgestellt worden.

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Zumindest haben die betreffenden Boxfans also nicht kostenlos geparkt. Ihr offenkundiges Ignorieren von Beschilderung und Markierung durch Abschleppen zu ahnden, kam für Weigand indes nicht infrage. Denn man habe die Lage danach beurteilt, ob der Verkehr auf Waldstraße und Brunnenweg einwandfrei geflossen sei – und das sei der Fall gewesen. „Sollen wir dann einen riesen Aufriss durch Abschleppmaßnahmen riskieren?“, fragt Weigand rhetorisch. Übrigens gelte: Abschleppen eigentlich nur, wenn das Fehlverhalten Auswirkungen hat. Um in dem Zusammenhang den Verdacht zu entkräften, bei der Entscheidung zwischen Knollen und Haken habe eine gewisse Gewaltbereitschaft der Betroffenen eine Rolle gespielt: Weigand versichert auf unsere entsprechende Frage, dass auch der Rentner, der seinen Mercedes 190 D bei der OKV-Seniorenfastnacht direkt vor der Stadthallen-Tür abstellte, mit einer gebührenpflichtigen Verwarnung davon käme.

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