Hintergrund: Verzweifelter Vater sucht Sühne

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Der leibliche Vater des Opfers, André B., hat inzwischen zugegeben, die Entführung Krombachs nach Frankreich eingefädelt zu haben.

Offenbach/Paris (fp/AP) ‐ Gefesselt, geknebelt und mit Verletzungen am Kopf lag er vor einem Gerichtsgebäude in der elsässischen Stadt Mühlhausen: Der aus Offenbach stammende Arzt Dieter Krombach aus Lindau ist Opfer einer ungewöhnlichen Entführungsaktion geworden.

Bekam ihn die französische Justiz trotz der Verurteilung wegen Mordes an einer 14-jährigen auf 15 Jahre Gefängnis bisher nicht zu fassen, so wurde er nun dorthin gebracht.

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Der leibliche Vater des Opfers, André B., hat inzwischen zugegeben, die Entführung Krombachs nach Frankreich eingefädelt zu haben, damit dieser erneut vor Gericht gestellt wird. Die Beweislage war auch erdrückend. So gibt es Belege für Telefonate mit den mutmaßlichen Entführern. Außerdem fanden sich in B.s Hotelzimmer 19.000 Euro Bargeld - die offenbar für die Entführer bestimmt waren.

Vater hat Tod seiner Tochter nie überwunden

Seit 27 Jahren hat B. jeden Tag das Grab seiner Tochter Kalinka besucht. Der 72 Jahre alte Franzose hat den Tod seiner 14-jährigen Tochter nie überwunden - und er ist überzeugt, dass der Täter zu Unrecht ungestraft davongekommen ist. „Im März 2015 verjährt die Strafe, dann kann ich nichts mehr machen“, sagte B. gestern. Er wollte keine Rache. Er musste aber einen Eklat herbeiführen, damit die Justiz ihre Arbeit macht.

Damit rollt sich eine mysteriöse Geschichte erneut auf – die des Dieter Krombach und der ungeklärten Frage, welche Rolle er beim Tod der 14-jährigen Kalinka gespielt hat, deren Geschwister heute in Offenbach leben. Aber es ist auch die Geschichte ihres Vaters, der seit 27 Jahren auf Sühne wartet. Sie beginnt im Jahr 1982, als die junge Französin tot in ihrem Bett in Krombachs Haus in Lindau aufgefunden wird. Der Arzt lebte damals mit Kalinkas Mutter zusammen, die sich von André B. getrennt hatte. Wegen Blutarmut habe er ihr Eisenpräparate gespritzt, so der Stiefvater. Das Mädchen sei an den Folgen eines Unfalls gestorben. Die Polizei glaubt ihm. Anders ihr leiblicher Vater B.: Er wirft Krombach vor, er habe das Kind betäuben und vergewaltigen wollen. Ein erstes Verfahren in Deutschland gegen Krombach wird eingestellt. Die Todesursache sei nicht genau zu ermitteln, heißt es.

In Abwesennheit zu 15 Jahren Haft verurteilt

Doch B. gibt nicht auf, bringt den Fall vor die französische Justiz. 13 Jahre nach dem Tod Kalinkas wird Krombach in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der Arzt wird jedoch trotz europäischen Haftbefehls nie von Deutschland ausgeliefert. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hebt das Urteil 2001 auf, weil es in Abwesenheit von Krombach gefällt wurde. Frankreich musste dem Arzt daraufhin 30.000 Mark zahlen. Das Verfahren ist spektakulär, in juristischen Fachzeitschriften wird „Der Fall Krombach“ durchdekliniert.

1997 steht Krombach in Kempten vor Gericht: Er wird zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er gesteht, eine 16-Jährige mit Schlafmitteln ruhig gestellt und vergewaltigt zu haben.

Weil der Kardiologe trotz des Entzugs seiner Approbation (Zulassung) wegen dieses nachgewiesenen sexuellen Missbrauchs seinen Beruf weiterhin illegal ausübt, verurteilt ihn das Landgericht Coburg 2007 wegen Betrugs zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis.

Ermittlungsverfahren wegen Tod von damaliger Ehefrau

Aus Anwaltskreisen war zu erfahren, dass der ehemalige Leibniz-Schüler hin und wieder auch an seiner alten Wirkungsstätte in Offenbach die Vertretung für Ärzte-Kollegen übernahm. Ein Jurist erinnert sich zudem an den Tod von Krombachs erster Frau und das aus diesem Anlass vom damaligen Staatsanwalt Dr. Bernd Weiland Mitte der 70er Jahre angestrengte und später aus Mangel an Beweisen eingestellte Ermittlungsverfahren.

Bald aber dürften sowohl Dieter Krombach als auch André B. vor Gericht stehen: der Arzt, weil er sich erneut wegen der Tötung des Mädchens verantworten muss, der leibliche Vater, weil er bei seinem Wunsch, den Täter bestraft zu sehen, möglicherweise selbst gegen das Gesetz verstoßen hat.

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