Wie viel Fahne ist erlaubt?

Offenbach ‐ Es ist nicht zu übersehen. Der Lenker des Dreieinhalbtonners hat hellenische Wurzeln. Die Fahne Griechenlands mit ihren breiten, horizontalen Streifen in Blau und Weiß ziert den gesamten Kühler. Zur WM schmückt der geneigte Fan sich und sein Lebensumfeld mit den Landesfarben. Und ruft so angebliche Ordnungshüter auf den Plan. Von Martin Kuhn

Zumindest ist das so in Offenbach passiert. Das, was Miriam Kosic irritiert berichtet, wird einen Tag vor dem Eröffnungskick in Südafrika propagiert: ein angebliches Fahnenverbot für Offenbacher mit ausländischen Wurzeln. Die erste, ebenfalls irritierte Reaktion aus der Stadtverwaltung: „Was für ein Quatsch...“

Was Miriam Kosic erzählt, hört sich an wie eine dieser Geschichten, die unter der Rubrik „Versteckte Kamera“ für viel Gelächter sorgt. Ihr und ihrer Familie ist das Lachen dabei allerdings vergangen. Mit ihrem Lebensgefährten ist sie im WM-Fieber. Allerdings hat die Familie nicht die deutsche, sondern die serbische Nationalfahne am Balkon aufgezogen: „Hierbei handelt es sich aber keineswegs um eine riesige Fahne, sondern um eine Kleine, die ans Auto angebracht werden kann.“

Fahnenordnung gibt es definitiv nicht

An besagtem Nachmittag klingelt es bei den Offenbachern: „Das Ordnungsamt sei‚s gewesen“, berichtet später ihr Schwiegervater. Die Mitarbeiter forderten den verdutzten Mann auf, die serbischen Farben umgehend abzuhängen und drohten mit einem Bußgeld in Höhe von 15 Euro. Begründung laut Miriam Kosic: „Eine nicht-deutsche Fahne/Flagge darf zwar während der WM, nicht aber vor und nach dem Turnier am Haus hängen.“ Im Übrigen gelte das auch für den nationalen Farbenschmuck an der Karosse. Sei es eine deutsche Fahne, wäre das alles kein Problem. Die dürfe an Fenstern, Balkonen und Autos wehen. „Ist das Verhalten nicht ein wenig diskriminierend?“, empört sich die Leserin fragend.

Ja, wäre es. Und daher eigentlich undenkbar. Wobei böse Zungen Richtung lokaler Ordnungspolizei mehr oder weniger spötteln: „Denen ist alles zuzutrauen.“ In diesem Fall weist das aber Frank Weber weit von sich und seinen Kollegen. Der stellvertretende Chef des Ordnungsamtes sagt: „In Deutschland ist zwar vieles geregelt. Eine Fahnenordnung für Balkone, noch dazu zur WM, gibt es definitiv nicht.“ Da müssen ganz andere Fahnenflächen aufgespannt werden, um die Rathaus-Mitarbeiter zu aktivieren. Wenn etwa eine Fahne quer über die Fahrbahn flattert und „eine Gefährdung Dritter“ nicht auszuschließen ist. Und das Einschreiten würde dann unabhängig des länderspezifischen Aufdrucks erfolgen, versichert Weber. Also keine Fahnen-Order für die Mitarbeiter? „Ja, da haben wir in Offenbach doch wichtigeres zu tun.“

Der nicht ausgesprochene Verdacht: Da wollte sich einer zur Fifa-WM 2010 einen üblen Scherz erlauben, oder noch mieser: einen schnellen Euro machen.

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