Zu viel Leid für ein Leben

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Kay Bothfeld (von links), Michaela Schaumann und Birgit Schimmer haben im Oktober 2008 den Verein „Seelenschwarm“ gegründet und suchen Mitstreiter.

Offenbach - Massive Gewalt, sexueller Missbrauch, Folter - für viele Kinder grausamer Alltag. Jährlich werden rund 20 000 Fälle von sexueller Gewalt gegenüber Kindern erfasst. Das Bundeskriminalamt schätzt die Dunkelziffer auf das 20-fache. Von Veronika Szeherova

Nach traumatischen Kindheitserlebnissen den Weg in ein normales Leben zu finden, ist für die Betroffenen ohne Hilfe kaum zu bewältigen.

Die Psychotherapeutin Michaela Schaumann kennt sich mit den geschundenen Seelen dieser Menschen. Nach jahrelanger Erfahrung mit Traumapatienten an der Klinik Hohemark machte sie sich vor vier Jahren mit einer Praxis in Frankfurt selbständig. Schnell nahm sie Lücken im Gesundheitssystem wahr: „Die gesetzlichen Höchstgrenzen für Langzeittherapien liegen bei etwa zwei Jahren. Die Fachwelt aber geht bei diesen Patienten von einer notwendigen Behandlungsdauer von fünf bis acht Jahren aus.“ Die Krankenkassen zahlen also nach Überschreitung dieser Zeit die Therapie nicht mehr. Allein: „Die Heilung von schwer traumatisierten Patienten mit dissoziativer Identitätsstörung ist nicht einfach nach 100 Stunden abgeschlossen“, weiß Schaumann.

Sie suchte nach Mitteln und Wegen. Mit ihren langjährigen Freunden Birgit Schimmer und Kay Bothfeld gründete sie im Oktober letzten Jahres den Verein „Seelenschwarm“ - mit der Offenbacher Filmwissenschaftlerin Birgit Schimmer als Vorsitzender. Kurzfristiges Ziel des Vereins ist die weitere Kostenübernahme, wenn Therapien auslaufen.

Ein Extrembeispiel aus Schaumanns Arbeitsalltag

Schaumann übernimmt die Behandlung der schweren Langzeitfälle. Täglich hat sie mit Inzest-, Missbrauchs- oder Unfallopfern zu tun, mit entsetzlichen Schicksalen. „Zum Glück habe ich gute Freunde, die mich aufbauen, wenn es mir schlecht geht“, sagt sie und berichtet von einer Patientin, deren extremes Schicksal selbst eine erfahrene Traumatherapeutin an die psychische Belastungsgrenze bringt: „Schon im Alter von zwei Jahren wurde diese Patientin vom Lebensgefährten ihrer Mutter, einem Satanisten, bei Ritualen und Orgien vergewaltigt und gefoltert. Sie musste sich an Tiertötungen beteiligen, wurde zur Prostitution gezwungen, abgerichtet, verkauft.“ Daraus sind Fotos und Filme entstanden, die sich verkaufen ließen. „Wie überall ging es auch beim Satanskult ums Geld“, sagt Schaumann verbittert.

Erst im Teenageralter gelang dem Mädchen die Flucht. Ihre Peiniger spürten sie auf. Erst als sie sie für tot hielten, ließen sie von ihr ab. Doch sie überlebte, wurde im Ausland versteckt, kehrte zurück, es folgte die fast unvermeidliche Drogenkarriere. Die ist vorbei. „Doch sie kann kaum auf die Straße gehen, leidet unter Todesangst, ist hoch suizidal gefährdet“, erklärt Schaumann, die die Frau seit vier Jahren betreut.

40 Personen in einem Körper

Die Patientin entwickelte, wie viele Menschen nach Gewalterfahrungen, eine multiple Persönlichkeit, heute eher „dissoziative Identitätsstörung“ genannt. Auch diese erreichte bei ihr ein extremes Ausmaß von etwa 40 „Innenpersonen“. Die Stimme verändert sich, das Verhalten, die Weltsicht, wenn bei diesen Menschen eine Innenperson die Kontrolle übernimmt. Selbst die Körperphysiologie wird anders. Gibt es im Inneren auch Kinderpersonen, können diese etwa nicht die Dosis von Erwachsenenmedikamenten ertragen.

Die Aufspaltung der Seele ist ein Überlebens- und Schutzmechanismus, ohne den diese Menschen an ihren Erlebnissen zugrunde gehen würden“, erklärt Schaumann. Es sei sehr schwer, nach einem bestimmten Schema mit diesen Menschen zu arbeiten, sie erfordern mehr noch als andere Langzeitpatienten eine individuelle Therapie.

Krankenkasse und Staat können kaum helfen

Bei diesen Patienten versage nicht nur nur der Gesetzliche Krankenversicherungssatz. Auch das „Opfer-Entschädigungsgesetz“ erweise sich als zwecklos. Die Gewaltopfer könnten ja keine Anzeige stellen, da sie sich sonst bemerkbar machen würden, was ihnen große Angst bereitet und sie in echte Gefahr bringen könnte.

Weitere Infos zu Seelenmschwarm finden Sie auf der Homepage des Vereins.

Natürlich gebe es auch leichtere Fälle. „Es können Menschen darunter sein, die unauffällig durchs Leben gehen, weil sie alleine wohnen und beruflich tätig sind“, erklärt Bothfeld. Da bestehe bei einer gründlichen Therapie die Chance auf eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Wegen dieser Hoffnung, Menschen nach Traumaerfahrungen wieder Normalität und gar Freude zu ermöglichen, engagiert sich der IT-Experte Bothmann für „Seelenschwarm“. Er kümmert sich um die Finanzen und die Internetseite.

Wenn ich die Kraft und Zeit habe, denen zu helfen, die es selbst nicht können, werde ich es tun“, sagt die Filmwissenschaftlerin Birgit Schimmer. „Diese Menschen werden von der Gesellschaft ignoriert und tabuisiert, was sie noch mehr zu Opfern macht.“ Zwar rücke Kinderpornographie immer mehr ins öffentliche Blickfeld, doch was danach mit diesen Kindern geschieht, sei kaum noch Thema.

Deshalb wirbt der Verein um Öffentlichkeit. Und „langfristig möchten wir eine Wohngruppe aufbauen und die sozialpsychiatrische Versorgung verändern. Oder gar die Politik davon überzeugen, dass der reguläre Therapiesatz nicht genügt.“ Spenden (Konto 6300 984 779, Volksbank Frankfurt, BLZ: 501 900 00), sind also immer willkommen, ebenso neue Mitglieder.

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