Viel Schwung gegen Krebs

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Es sieht spielerisch aus, doch die Bänder leisten ganz schön Widerstand. Der Kurs von Renate Ferrlein (2. v. rechts) hat aber sichtlich Spaß an der Bewegung.

Offenbach - Die Spätsommersonne erwärmt den Park der Ketteler-Klinik. Von der Wiese schallt Lachen. Zehn Leute bilden einen Kreis. Von Veronika Szeherova

In den Händen halten sie rote und blaue Elastikbänder, die sie in der Mitte verknüpft haben, bewegen sie nach oben und unten, nach rechts und links. Ein wenig erinnert die Szene an einen Tanz um den Maibaum. Doch so unbeschwert die Sportgruppe wirkt, so ernst ist der Grund, warum sie zusammengekommen ist: Die Teilnehmer haben Krebs.

Bereits seit Februar bietet das Ketteler-Krankenhaus zweimal wöchentlich je eineinhalb Stunden Bewegungstherpapie für onkologische Patienten. Bisher haben 25 Teilnehmer das Angebot wahrgenommen, das auch für Patienten anderer Kliniken offen ist. Chefarzt Dr. Stephan Sahm weiß um die Bedeutung von Sport für Krebskranke: „Viele Patienten denken bei der Diagnose reflexartig, dass sie aufhören müssen, körperlich irgendwas zu tun. Dabei ist erwiesen, dass der Krankheitsverlauf günstiger ist, wenn sie sich bewegen.“ Krebs sei heute nicht mehr diese todbringende Krankheit, die Hälfte der onkologischen Patienten werde geheilt. „Bewegung ist sogar wichtiger als medikamentöse Behandlung“, unterstreicht Sahm die Bedeutung des kostenfreien Angebots, das von der Stiftung Leben mit Krebs gefördert wird.

„Im Wort Sport steckt Leistungsdruck“

Physiotherapeutin Renate Ferrlein leitet die Gruppe. Langzeit- und Chemopatienten sind ebenso dabei wie Akut-Erkrankte. Die jüngste Teilnehmerin ist 40, die älteste 84 Jahre alt. „Bewegung vermindert die Nebenwirkungen der Krebstherapie, wie das Erschöpfungssyndrom, und hat einen positiven Einfluss auf die Krankheitsfolgen“, so Ferrlein. Viele Patienten leiden wegen der körperlichen und seelischen Belastung, die ihre Diagnose mit sich bringt, unter schneller Ermüdung und abnehmender Leistungsfähigkeit. Deshalb würden sie Sportangebote scheuen. „Im Wort Sport steckt Leistungsdruck“, weiß sie, und bevorzugt das Wort Bewegungstherapie. „Wir überlasten niemanden, sondern kommen gemeinsam in Schwung – und entspannen danach.“

Gerade die Gemeinschaft sei ein wichtiger Faktor. Die Gruppe bewegt sich nicht nur zusammen, sie redet auch, gibt sich Trost, Halt und Mut. „In keiner anderen Gruppe habe ich so viel gegenseitigen Respekt und Achtung erlebt, das ist außerordentlich“, findet Ferrlein. Eine Teilnehmerin, die nicht namentlich genannt sein möchte, hat eine Erklärung: „Wir teilen ein Schicksal. Das schweißt uns zusammen. Über uns allen hängt ein Damoklesschwert. Wir haben gelernt, den Augenblick zu genießen.“

Im Januar wurde bei Klaus Wolf Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Sahm empfahl ihm die Bewegungstherapie. „Ich war anfangs schon etwas skeptisch“, gibt der Bieberer zu. Seine Frau war schließlich die treibende Kraft. Auf einem Kongress hat sie von den positiven Wirkungen von Bewegung für Krebspatienten erfahren, brachte ihn dazu, bei den Kursen mitzumachen und begleitet ihn dabei.

Kampf gegen den Krebs

Zwölf Chemotherapien hat Wolf schon hinter sich, nimmt Medikamente. „Ich fühle mich manchmal müde und abgeschlagen, die Kraft fehlt ein bisschen“, sagt er. Die Bewegungstherapie macht ihm Spaß, die Skepsis ist gewichen. „Ich möchte auf jeden Fall weitermachen. Jetzt bin ich ja auch nicht mehr der einzige Mann in der Gruppe.“

Auch sonst versucht er, so oft es geht Sport zu treiben, fährt regelmäßig Fahrrad. „Auch dabei ist meine Frau der Antrieb“, sagt er mit einem liebevollen Seitenblick zu Christa Wolf. Zusammen haben sie dem Krebs den Kampf angesagt.

Anmeldung und Auskunft: Sekretariat Dr. Sahm, 069-8505271 oder per E-Mail.

Offensiv mit ihrer Erkrankung geht auch Gisela Faust um. 2008 erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. Seitdem nimmt sie Medikamente. Beim Kurs ist sie von Anfang an dabei und möchte ihn nicht mehr missen. „Er ist ganz toll, mit Musik und so, und ich merke, dass es mir danach besser geht.“ Ihre Leidenschaft für Bewegung geht so weit, dass sie demnächst selbst Kurse anbieten wird – Bauchtanz bei der Seniorenhilfe Offenbach. Margarete Reuter, die älteste Teilnehmerin und ebenfalls Brustkrebspatientin, schätzt besonders die Gemeinschaft in der Gruppe. „Herzukommen hilft mir sehr“, sagt sie. „Das tut einfach gut – und Frau Ferrlein macht es ganz toll!“

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