Viel Unterhaltung im Haus

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Am Vormittag scheint die Sonne auf den Balkon: Hier wird gelesen und entspannt - Ulrike Brandt stellt ihr privates Lieblingsplätzchen im Mehrgenerationenhaus vor.

Offenbach - Brasilien spielt eine große Rolle im Leben von Ulrike Brandt. Deswegen hängt die grün-gelbe Fahne auf ihrem Balkon und eine große Plastiktüte, auf der die Iguaçu-Wasserfälle abgebildet sind. Von Simone Weil

Acht Jahre lang hat die 48-Jährige in dem fünftgrößten Land der Erde gelebt. Die Diplom-Biologin hat in Fortalezza Cashew-Bäume erforscht. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen und brachte einen Sohn zur Welt. Später beriet die Offenbacherin Müllsammlerkooperativen in Rio de Janeiro. Mit gemischten Gefühlen denkt sie an die Zeit in der riesigen Stadt zurück: Auf der einen Seite sei es großartig gewesen, mit dem Kind einfach so an den Strand gehen zu können. Anderseits aber habe ihr die Gewalt in der Stadt Angst gemacht. Als sie einmal bei einer Freundin zum Grillen war, hörten sie Schüsse und sie mussten sich zu Boden werfen, weil Kugeln durch die Luft sausten.

Näher kam ihr Bedrohliches zwar nicht, doch die Anspannung verursachte Stress. „Bestohlen wurde ich aber in Offenbach, nicht in Brasilien“, erzählt sie. Die Tochter von Georg Brandt, der früher Pfarrer der Paul-Gerhardt-Gemeinde war, hat sich von ihrem Mann getrennt („In aller Freundschaft“), arbeitet im Frankfurter Frauenreferat und lebt jetzt mit ihrem Sohn im Mehrgenerationenhaus an der Weikertsblochstraße.

Froh über möglichst viel Unterhaltung

Von dieser Art des Zusammelebens ist Ulrike Brandt begeistert. Sie findet es schön, dass es durch den Gemeinschaftsraum und die Dachterrasse möglich ist, Ideen für gemeinsame Veranstaltungen zu entwickeln. „Wo sonst kann man für alle mal Grüne Soße machen, grillen, Gymnastik oder einen Spieleabend anbieten“, fragt sie. Die Hausgemeinschaft, die aus 28 Parteien besteht und vom Baby bis zur 89-Jährigen reicht, hat auch einen Beamer angeschafft. So sollen bald auch Filme gezeigt werden können.

Weil es der alleinerziehenden Mutter derzeit schwer fällt, das Haus zu verlassen, ist sie froh, über möglichst viel Unterhaltung, die ihr daheim geboten wird. Im April wurde bei ihr Brustkrebs festgestellt. Nach der Chemotherapie hat sie jetzt Probleme mit den Beinen. Deswegen sitzt sie gerne vormittags auf ihrem Balkon und legt die Füße hoch. Nachmittags, wenn die Sonne gewandert ist, zieht sie auf die andere Seite des Hauses. Sie liest gerne dicke Historienschmöker, gerne auch Krimi-Klassiker wie Elisabeth George.

Reisen zählt zu ihren Hobbys

Auch Reisen zählt zu den Hobbys der überzeugten Offenbacherin: Ihr bevorzugtes Ziel ist Brasilien. Alle zwei Jahre fliegt sie dorthin, um die Freunde zu besuchen. Das eigene Auto hat sie schon lange abgeschafft. Wenn sie mal ins Häuschen im Vogelsberg will, dass sich ihre große Familie teilt, mietet sie sich ein Mobil: „Dann habe ich immer ein neues Auto, neulich sogar einen Jaguar.“

Besonders nett findet es die Pfarrerstochter, dass sich an ihrem Nachmittagslieblingsplätzchen auf dem Gang zu den Wohnungen schnell Nachbarinnen hinzugesellen. Trotz der möglichen Plaudereien hat jeder die Ruhe, die er haben will, spätestens wenn er die Wohnungstür hinter sich schließt. Zwar finde sich sicher jemand, der einem mal eine Lampe aufhängt, aber mit einer Betreuungseinrichtung sei das Haus nicht zu verwechseln, sagt Ulrike Brandt. Neben den barrierefreien Wohnungen mit ein bis vier Zimmern ist ein Appartement für Pflegekräfte reserviert, aber wenn es nicht mehr geht, müssen Bewohner auch ins Heim umziehen.

Die Angestellte der Stadt Frankfurt will Werbung machen für das Projekt Mehrgenerationenhaus: Im November wird eine Einzimmerwohnung frei, die über die gemeinnützige Baugenossenschaft Offenbach vermittelt wird. Mitspracherecht haben alle Bewohner des Gebäudes an der Weikertsblochstraße 59, die in einem Verein organisiert sind.

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