„Viele Frauen sind verunsichert“

Beratungs- und Interventionsstelle hilft Opfern von häuslicher Gewalt

Die Beratungs- und Interventionsstelle leistet wichtige Arbeit für Frauen. Aber die Corona-Pandemie hat diese Arbeit verändert.

Offenbach – Die Frau ist verzweifelt. Ihr Mann kontrolliert alle ihre Schritte, verbietet ihr Kontakte zu anderen Menschen. Er bestimmt über das Geld, ein eigenes Konto hat sie nicht. Nicht nur sie, auch ihre Kinder sind verängstigt und eingeschüchtert. Mithilfe von Verwandten findet die Frau schließlich eine eigene Wohnung. Trotzdem hat sie noch immer Zweifel, ihren Mann zu verlassen.

Fälle wie dieser begegnen Heidi Balthasar von der Beratungs- und Interventionsstelle des Vereins Frauen helfen Frauen in der Bieberer Straße immer wieder: „Viele Frauen, die zu uns kommen, haben noch nie über ihre Probleme gesprochen und sind sehr verunsichert.“ 325 Gespräche haben Balthasar und ihre beiden Kolleginnen im vergangenen Jahr geführt.

Seit ihrer Gründung 1990 ist häusliche Gewalt gegen Frauen das Hauptthema der Beratungsstelle. Die Betroffenen wenden sich zumeist telefonisch oder per Mail an Balthasar und ihre Kolleginnen. Manchmal vermittelt aber auch die Polizei oder das Jugendamt den Kontakt.

Für die Gespräche mit den Opfern brauchen die ausgebildeten Sozialarbeiterinnen Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. „Es geht darum, die Frauen zum Sprechen zu bringen, Gefühle und Widersprüche wahrzunehmen“, erklärt Janne Reuver. Danach werden gemeinsam Wege für die Lösung der Probleme gesucht. Häufig geht es um rechtliche Informationen im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes – um Wegweisungen und Kontaktverbote, aber auch um Fragen von Unterhalt und Sorgerecht. Daneben leisten die Beraterinnen psychosoziale Unterstützung.

Die Hilfesuchenden kämen aus allen Teilen der Bevölkerung, die meisten seien zwischen 20 und 40 Jahre alt, sagt Balthasar. „Es kommen aber auch über 70-Jährige.“ Die Gespräche werden auf Deutsch geführt. Sollte das nicht möglich sein, können die Frauen eine Vertrauensperson zum Übersetzen mitzubringen. Die Häufigkeit der Beratungssitzungen ist unterschiedlich. „Die Regel ist, dass die Frauen einmal zu uns kommen“, berichtet Heidi Balthasar. Ein Drittel der Frauen nimmt bis zu fünf Termine wahr, zehn Prozent kommen mehr als sechs Mal.

Zur weiteren Unterstützung werden Frauen nach den Beratungen an Rechtsanwälte oder, wenn es nötig ist, an Psychologen vermittelt. Auch mit anderen Stellen wie der Polizei, der Mainarbeit, dem Jugendamt oder der Caritas – die in Offenbach eine Täterberatung durchführt – ist die Frauenberatungsstelle gut vernetzt.

Neben den Einzelterminen bot die Beratungsstelle wöchentlich eine offene Sprechstunde sowie eine Selbsthilfegruppe an. Diese Angebote mussten während der Corona-Pandemie aber ausgesetzt werden.

Auch die normale Beratungstätigkeit hat sich verändert: Bis Anfang Juni waren aufgrund der staatlich verordneten Kontaktbeschränkungen nur Telefonberatungen möglich. Für gewaltbedrohte Frauen eine besonders schwierige Zeit, wie Janne Reuver berichtet: „Sie konnten nicht aus dem Haus, um sich Hilfe zu holen.“ Ihr Angebot des fernmündlichen Gesprächs sei gut aufgenommen worden. Ob die häusliche Gewalt, wie in einigen Berichten zu lesen ist, in der Krisenzeit tatsächlich zugenommen hat, kann Heidi Balthasar noch nicht sagen. „Dafür ist es zu früh.“

Für die Zukunft wünscht sie sich eine weitere Aufwertung ihrer Arbeit: Die 2018 auch von Deutschland ratifizierte Istanbul-Konvention zur Bekämpfung häuslicher Gewalt lege fest, dass in einer Kommune pro 100 000 Einwohner mindestens eine Vollzeitstelle für die Frauenberatung einzurichten sei. Momentan stehen nach der 2016 durch die Landesregierung beschlossene Aufstockung der Mittel für kommunalisierte sozialen Hilfen für die Stadt 35 Wochenstunden für die Beratung zur Verfügung.

Zusätzliche Kapazitäten würden die Offenbacher Beraterinnen auch in die Öffentlichkeitsarbeit stecken, in Kampagnen und Schulungen für Polizei und Verwaltungsstellen, um das Problem der häuslichen Gewalt bewusster zu machen und für den Umgang mit betroffenen Frauen zu sensibilisieren.

Infos im Internet frauenhaus-offenbach.de

VON JÖRG ECHTLER

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