Viele Lehrstellen offen

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Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel (links) und der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Helmut Geyer, sehen die PPP-Projekte kritisch.

Offenbach - Kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres haben die Handwerker in Stadt und Kreis Offenbach noch Schwierigkeiten, offene Lehrstellen zu besetzen. Von Marc Kuhn

„Die Handwerker haben leider Probleme, qualifizierte Bewerber zu finden“, sagt Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Kreishandwerkschaft Offenbach, Helmut Geyer, spricht er im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn auch über die wirtschaftliche Lage der Betriebe, über die Probleme mit den PPP-Projekten und die Konkurrenz aus Osteuropa.

Hat das Handwerk in Stadt und Kreis Offenbach die Wirtschaftskrise überstanden?

Kramwinkel: Momentan haben wir noch Unterstützung durch die Konjunkturpakete. Handwerksbetriebe, die sich auf die energetische Sanierung konzentrieren, sind ausgelastet. Der Optimismus ist aber auch wieder bei jenen Unternehmen da, die nicht so stark von den staatlichen Hilfen profitiert haben. Positiv muss festgehalten werden, dass die Firmen in der Krise die Mitarbeiter gehalten haben. Das Handwerk ist also eine wichtige Wirtschaftsmacht in Deutschland.

Wie sieht die Auftragslage der Unternehmen aus?

Geyer: Etwa 30 Prozent der Betriebe sprechen von einer guten Auftragslage. Aber 20 Prozent sagen schon wieder, dass sie sich verschlechtert hat.

Kramwinkel: Die Situation ist bei den Gewerken unterschiedlich. Es hängt auch davon ab, wie viel Produktionsanteil diese Handwerksfirmen haben. Obwohl der private Konsum in vielen Bereichen sichtbar ist, lastet er aber die Produktionsbetriebe nicht voll aus.

Geyer: Die Bauinvestitionen der Industrie sind noch verhalten. Und wie es mit den Aufträgen der öffentlichen Hand im Herbst aussieht, ist offen. Die Konjunkturprogramme sollten eine Brücke sein, über die es auf der anderen Seite des Flusses weiter geht. Wenn die öffentliche Hand im Herbst, was ich glaube, aufgrund der Finanzlage sagt, das Geld fehlt, dann werden die Aufträge rückläufig sein. Dann wird es Probleme geben beim Handwerk. Ein wichtiges Instrument, damit regionale Handwerksbetriebe Aufträge aus dem Konjunkturpaket erhalten, sind die geänderten Vergabegrenzen. Damit möglichst viele Aufträge von den Betrieben in der Region abgearbeitet werden können, sollten die Aufträge in kleinen Teil- und Fachlosen ausgeschrieben werden.

Mit welchen Problemen kämpfen die Handwerker in der Region?

Kramwinkel: Unsere größtes Problem ist die Zahlungsmoral der Kunden. Diese ist unterschiedlich. Im Privatbereich wird größtenteils pünktlich gezahlt, Ausnahmen gibt es wohl auch hier. Bei den Objekten mit einem größeren Volumen wird nach Gründen gesucht, später zu bezahlen. Es wird alles versucht, um die Zahlung zu verzögern. Für uns sind die Gründe nicht immer nachvollziehbar, schließlich ist das Geld über die Finanzierungen ja da. Deshalb ist der Geldbedarf der Betriebe größer, um Aufträge vorzufinanzieren. Und auch bei Städten und Gemeinden dauert es länger, bis die Betriebe ihr Geld bekommen. Viele Handwerker fragen sich mittlerweile, warum sie für Aufträge der Kommunen noch Angebote abgeben sollen. Zum einen bekommen sie die Aufträge oft nicht, weil günstigere Betriebe von außerhalb zum Zuge kommen. Und wenn sie einen Auftrag bekommen, dann wird schlecht bezahlt.

Gibt es wegen der Krise Probleme bei Finanzierungen?

Geyer: Es gibt keine Kreditklemme, sondern Finanzierungsprobleme. Es ist vor allem die Finanzierung der Aufträge, die für viele Gewerke ein Problem ist. Einerseits schiebt der Kunde die Begleichung seiner Rechnung immer weiter auf, andererseits verlangt der Großhandel oft sofort oder sehr schnell sein Geld. So geraten Handwerksbetriebe in Schwierigkeiten.

Deshalb hat sich das Handwerk bei der hessischen Landesregierung mit Erfolg dafür eingesetzt, dass die Wirtschafts- und Infrastrukturbank nun einen Fonds speziell für Handwerksbetriebe einrichtet. Diese Idee mündete in den Fonds „Kapital für Kleinunternehmen“. Dieser soll ein Volumen von 30 Millionen Euro und eine Laufzeit von fünf Jahren haben.

Betriebe mit maximal 50 Beschäftigten können hier schnell und unbürokratisch Beträge von bis zu 75 000 Euro als Eigenkapital erhalten. Bedingung ist, dass die Hausbank des Kreditnehmers das Darlehen um 50 Prozent aufstockt. Der Fonds ist das geeignete Instrument, um in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Eigenkapitalbasis kleiner und mittlerer Handwerksbetriebe zu stärken. Und dies ist wiederum eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Banken den Unternehmern zusätzliche Kredite zur Verfügung stellen.

Kramwinkel: Die Finanzierungsprobleme haben wir, weil die Lieferanten heute schneller ihr Geld haben wollen. Früher konnten die Lieferanten uns als Kunden versichern. Diese Kreditversicherungen für Handwerker gibt es nicht mehr. Deshalb fordern die Lieferanten ihr Geld innerhalb einer Woche oder sogar als Vorkasse. Dieses Geld fehlt den Handwerkern.

Warum haben die Versicherer ihre Leistungen eingestellt?

Kramwinkel: Weil ihnen das Risiko zu groß ist. Ich appelliere an alle Betriebe, mit ihren Kreditinstituten das Gespräch zu suchen.

Immer wieder tauchen in der Region Handwerker aus Osteuropa auf. Sie sind meist billiger als hiesige Betriebe. Eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit von Offenbacher Firmen?

Geyer: Absolut. Schon allein wegen der Dumpingpreise in Verbindung mit niedrigen Löhnen. Oft ist die Qualität des Materials und die Ausführung nicht ausreichend. Außerdem fördern Osteuropäer hier auch keine Kaufkraft. Sie konsumieren so gut wie nichts und ihre Steuern zahlen sie zuhause. Das kann es ja nicht sein. Hier fehlt das Geld den Kommunen.

Welche Wünsche hat das Handwerk an den neuen Landrat?

Kramwinkel: Mit einem wachsamen Auge beobachten wir die Public-Private-Partnership-Projekte und die Investitionen, die darüber gelaufen sind. Es geht um dreistellige Millionenbeträge. Wir haben festgestellt, dass relativ wenig davon in der Region geblieben ist. Wenn Investitionen getätigt werden, muss man schauen, ob es der günstigste Weg ist, alles über PPP laufen zu lassen.

Die Unternehmen, die die Sanierungen der Schulen im Kreis umgesetzt haben, sagen, dass ein Großteil der Investitionen in der Region geblieben ist.

Geyer: Das stimmt nicht. Im Kreis sind etwa 25 bis 30 Prozent der Aufträge geblieben.

Kramwinkel: Dann rechnen die ja auch mit einer kreisnahen Region. Das sind zwischen 60 und 80 Kilometer. Dann kommen wir aber auch auf keine 50 Prozent. Dann sind wir bei 45 Prozent.

Geyer: Und dann ist die große Frage: Sind es 50 Prozent der Aufträge oder 50 Prozent des Auftragsvolumens? Das ist ein großer Unterschied. 50 Prozent der Aufträge können nur zehn Euro sein. Und die fünf Millionen Auftragsvolumen sind dann woanders. Man muss ja eines sehen: Bei PPP macht der Generalunternehmer schon im Vorfeld die Verträge mit seinen Subunternehmern, die er ja schon hat. Sonst könnte er diesen Preis nicht anbieten. Dadurch kamen die Betriebe aus unserer Region wenig zum Zuge. Bei PPP stimmt es mit der Partnerschaft nicht, weil es keine Augenhöhe für die hiesigen Betriebe gibt. Die Betriebe können sich bewerben wie sie wollen und erhalten kaum Aufträge, weil die Verträge mit den Subunternehmern längst abgeschlossen sind.

Ich appelliere an die Kommunen und an den Kreis, bei PPP-Projekten noch mehr als bisher das heimische Handwerk zu berücksichtigen. Die verantwortlichen Kommunalpolitiker müssen doch ein vitales Eigeninteresse haben, dass die von ihnen vergebenen Aufträge in der Region bleiben. Die Gewerbesteuerzahlungen der regionalen Handwerksbetriebe, die Steuerzahlung der ebenfalls in der Region lebenden Arbeitnehmer und nicht zuletzt deren Kaufkraft fließen direkt wieder in die Kassen der Gemeinden zurück.

Kramwinkel: Ob sich das letztlich für die Kommunen rechnet? Mittlerweile wird das ja auch kritisch vom Kreisparlament beäugt. Bei Sanierungen können viele zusätzliche Kosten entstehen, weil man nie weiß, was auf einen zukommt. So können noch viele zusätzliche Kosten auf den Auftraggeber zukommen, auf die Kommunen und auf den Kreis. Da werden noch ganz andere Rechnungen aufgemacht. Ich denke, da kommen zweistellige Prozentzahlen heraus.

Geyer: Nach unseren Informationen gibt es Nachverhandlungen über Mehrkosten. Die laufen schon seit einigen Monaten.

Die Sanierung der Schulen sollte mit PPP eigentlich günstiger werden. Rechnen Sie mit steigenden Kosten?

Geyer: Ja. Ein Indiz dafür ist die Erhöhung der Schulumlage.

Der Gesetzgeber hat die freihändige Vergabe von Aufträgen an Handwerker bis zu einem Wert von 100 000 Euro und die beschränkte Vergabe bis zu einem Wert von einer Million Euro ermöglicht. Nutzen die Kommunen in Offenbach die Möglichkeiten?

Kramwinkel: Nein, fast gar nicht.

Geyer: Von den Kommunen kommt immer wieder das Argument Korruption. Durch die Rechtslage ist aber doch gerade Rechtssicherheit gegeben worden. Das Land hat gesagt, wir empfehlen allen, die freihändige und beschränkte Vergabe mit der Erhöhung der Freigrenzen umzusetzen. Allen Skeptikern sei gesagt, dass es nicht um die Umgehung der deutschen und europäischen Vergaberichtlinien geht, sondern um Rechtssicherheit. Es geht darum, bei der öffentlichen Auftragsvergabe alle bestehenden rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Auch den Kritikern sage ich, dass es durchaus möglich sein könnte, dass der eine oder andere Auftrag etwas teurer wird. Bitte verwechseln sie auch nicht billig mit günstig. Im Gegenzug bezahlen die heimischen Handwerksbetriebe ihre Steuern und Abgaben hier bei uns. Die Wertschöpfung findet in der Region statt. Damit erhalten wir Arbeits- und Ausbildungsplätze.

Thema Lehrstellen: Bekommt jeder Jugendliche, der in Stadt oder Kreis einen Ausbildungsplatz im Handwerk sucht, eine Stelle?

Geyer: Der ausbildungsfähige und ausbildungswillige Jugendliche kann sich im Handwerk qualifizieren. Wichtig ist, dass die fachliche, soziale und persönliche Kompetenz stimmen muss. Das fängt mit der Pünktlichkeit an. Wir haben noch 200 offene Lehrstellen in allen Bereichen - bei Tischlern, Bäckern, Elektrikern. Und die Arbeitsverwaltung hat sogar etwa 400 unbesetzte Stellen - querbeet in der Industrie und im Handwerk. Ich appelliere deshalb an die Eltern, an die Schulen und an die Schulabgänger, sich für eine Ausbildung im Handwerk zu bewerben. Die mangelnde Ausbildungsreife vieler Schulabgänger ist bei den Betrieben ein großes Problem bei der Stellenbesetzung.

Kramwinkel: Die Handwerker haben leider Probleme, qualifizierte Bewerber zu finden. Die Bewerbungen sind insgesamt weniger geworden. Wir sensibilisieren unsere Handwerker dafür auszubilden. Wir brauchen für die Zukunft Nachwuchs. Wir brauchen Jugendliche, die sich mit dem Beruf identifizieren.

Hat das Handwerk die Zahl der Lehrstellen in den Kreisen stabil gehalten?

Geyer: Ja natürlich. Wir haben die Zahl in den vergangenen vier Jahren sogar um 20 Prozent erhöht. Jedes Jahr haben wir ungefähr 600 Jugendliche, die eine Lehre im Handwerk beginnen. Insgesamt haben wir etwa 1 800 Auszubildende. Die Zahl der Lehrstellen wird sicherlich weiter sinken, weil sie nicht besetzt werden können.

Haben wir einen Fachkräftemangel bei Handwerkern in der Region?

Kramwinkel: Bei der Suche nach Fachkräften gibt es schon Probleme. Man muss sich junge Leute von der Schule holen, ausbilden und im eigenen Betrieb halten. Es ist aber schade, dass es immer mehr Abbrecher gibt. Die Jugendlichen haben nicht mehr so viel Ausdauer.

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