Viele neue Baustellen aufgemacht

Offenbach - Es wird unübersichtlich an Hessens Gymnasien. Turboabi (G8), doch die lange Schulzeit (G9) oder beide Varianten - Kultusministerin Nicola Beer gibt für alles grünes Licht: Die Gymnasien können ab nächstem Schuljahr wählen, ob sie das Abitur nach acht oder neun Jahren anbieten.

Oder auch beides. Was sagen die Eltern dazu? Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei Michael Brehm nach, dem Vorsitzenden des Stadtelternbeirats in Offenbach.

Sind Sie jetzt zufrieden? Es ist doch ein erneuter Schwenk der Schulpolitik zurück zu G9?

Nein. Ich bin verärgert über dieses Konzept. Es gibt sogar neue, zusätzliche Probleme.

Wo liegen denn Ihrer Meinung nach die Knackpunkte?

Kritisch sehe ich vor allem die Mischlösung. Bei dem bisher praktizierten Regel-G8 waren gerade die Bedenken und Beschwerden der Eltern aus den Klassenstufen 5 und 6 erheblich. Im neuen Modell sind aber gerade diese Klassenstufen weiterhin in ein Regel-G8-System gezwungen. Also werden die Beschwerden und Probleme nicht abnehmen, zumal wieder nicht erst die notwendigen Voraussetzungen vom Kultusministerium geschaffen werden, sondern diese erst im Nachlauf angepasst werden sollen.

Sitzt das Misstrauen so tief?

Was von solchen Versprechen zu halten ist, davon kann die gerade auf das Abitur zugehende erste Regel-G8 Schülergeneration und deren Eltern einen ausführlichen Bericht geben. Versprochen wird viel, gehalten wenig. Bis heute sind die Lehrinhalte nicht an das Regel-G8 angepasst und der Unterrichtsbetrieb nicht daran ausgerichtet. Viele Schüler haben einen längeren Arbeitstag, wie gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer. Es gibt Fälle, in denen der Unterricht morgens um 7.45 Uhr beginnt und mit einer Stunde Mittagspause um 17.30 Uhr endet. Danach folgen noch Hausaufgaben. Da weiß man was los ist.

Sie fühlen sich als Eltern aber auch übergangen.

Ja, das stimmt! Ein weiteres großes Problem an der Mischlösung stellt die Entmündigung der Eltern dar. Zwar ist vorgesehen, dass die Eltern vor der Klasse 5 ihre Vorstellung, ob G8 oder G9 den schulischen Werdegang ihres Kindes bestimmen, darlegen. Aber am Ende der Klasse 6 entscheidet die Schule unter Einbeziehung dieser dann zwei Jahre alten Elternangabe, ob der Schüler unter G8- oder G9-Bedingungen weiterlernt. Die Eltern treffen also am Anfang der Klasse 5 eine Art Vorentscheidung ohne Kenntnisse, ob ihr Kind mit G8 zurecht kommt oder nicht und können diese Entscheidung nach zwei Jahren Unterrichtserfahrung nicht mehr revidieren. Generell abzulehnen ist die Planung, die endgültige Entscheidung durch die Schule treffen zu lassen. Hier werden die Eltern als Erziehungsberechtigte endgültig entmündigt.

Sie reiben sich aber auch an dem geplanten Schulversuch ...

Ja! Denn die beschriebene Misere wird noch dadurch verschärft, in dem man das Ganze an einen zeitlich befristeten Schulversuch knüpft. Der wird drei Jahre durchgeführt. Aber was kommt danach? In Hessen gab es bereits vor der G8-Einführung Erfahrungen mit Turbo- oder Schnellklassen, in denen man das Abitur nach acht Jahren erreichen konnte. Diese Klassen liefen parallel zum üblichen G9-System von der Klassenstufe 5 bis zur Klassenstufe 12. Wozu braucht man also diesen Schulversuch? Außerdem zeigt dies, dass es durchaus auch möglich wäre, ein echtes Mischsystem an einer mehrzügigen Schule zu fahren, also G8 und G9 von Klasse 5 an parallel. Dann hätten auch Eltern eine echte Wahl und nicht eine Schein-Wahlfreiheit nach zwei Jahren „Zwangs-G8“ in Klasse 5 und 6. Jeder Schüler hätte die Möglichkeit das für ihn passende Unterrichtssystem zu besuchen und sich nach seinen Möglichkeiten im Lernen zu entfalten.

Schlägt das Ministerium eine völlig falsche Richtung ein?

Meiner Ansicht nach zeigt dieses Konzept wieder einmal, dass vom Kultusministerium eine Chance vertan wurde, die Schulzeit an Gymnasien endlich auf einen am Schüler und seinen Notwendigkeiten orientierten Weg zu bringen. Nicht für alle Schüler, die ein Gymnasium durchlaufen können, ist G8 der richtige Weg, also warum zwingt man Kinder gerade in einer entscheidenden Lebensphase, beim Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule, in eine unangemessene Lernsituation? So schafft man nur neue Probleme die sich, wie bisher auch, weit in das Gesellschaftsleben auswirken. Wieder wurde wieder eine riesige Chance vertan und die Minister macht zu allen bestehenden Bildungsbaustellen in Hessen viele neue Baustellen auf.

Was raten sie Müttern und Vätern?

Ich kann ihnen nur empfehlen, sich an den Schulen ihrer Kinder für die Rückkehr nach G9 stark zu machen.

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