Vier Leute teilten sich ein Bett

Offenbach - Eine Zeitreise ins Offenbach vor 100 Jahren unternahmen vor kurzem die Sozialdemokraten. Von Ernst Buchholz

Zwei Referenten hatte die Historische Kommission der SPD aufgeboten. Erich Hermann und Wolfgang Reuter hatten eifrig zum Thema im Stadtarchiv und in der Stadtbibliothek geforscht und waren fündig geworden. Es gelang ihnen ein kurzweiliger Rückblick auf die Jahrhundertwende.

Erich Hermann betonte, dass der Berichtszeitraum weiter gespannt werden müsse. Das Jahr 1909 in Offenbach sei nicht verständlich ohne die vorhergegangenen Entwicklungen. Für ihn ist gar die Abschaffung der Leibeigenschaft 1794 in Hessen ein Wendepunkt der Wirtschaftsgeschichte des Landes.

Ab 1842 beginnt die Zeit der großen Firmengründungen in Offenbach. Von der Teerfarbenfabrik von Sell, später Oehler, bis zu Gründung der Kaiser-Friedrich-Quelle 1888. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung durch Zuzug aus den umliegenden Gebieten. „In Offenbach waren die Löhne hoch“, sagte Erich Hermann, „deswegen war der Ort attraktiv“. Ein Tageslohn betrug 1890 2,59 Mark, 1910 war er auf 4 Mark angestiegen. Dementsprechend stiegen allerdings auch die Unterhaltskosten. In der Zeit wurden die Arbeiterverbände in einem Gewerkschaftssyndikat zusammengefasst. Allerdings wurden die neuen Bewegungen scharf beobachtet. Es gab schwarze Listen für die Rädelsführer der Streiks. „Arbeiter zu sein, war keine Schande“ sagte Erich Hermann, „man war solidarisch und stolz“.

Im Jahr 1909 gab es 58 Prozent Arbeitslose

Wolfgang Reuter illustrierte seinen Vortrag mit reichhaltigem Material aus dem Stadtarchiv. Er behandelte die Not der Arbeiter und ihrer Familien, bedingt durch Arbeitslosigkeit, das Wohnungselend und die politische Situation. Eine Zählung von Haus zu Haus ergab 1909 58 Prozent Arbeitslose wegen Arbeitmangels. Es gab damals noch kein Arbeitslosengeld. Und die Offenbacher Zeitung berichtet erstmals im Jahre 1909 über den Vorschlag, eine Arbeitslosenversicherung einzuführen.

Verschärfend wirkten die miserablen Wohnverhältnisse. In jedem vermieteten Bett durfte nur eine Person schlafen. Der Statistik nach waren es aber bis zu vier Personen, die sich ein Bett teilten. Angesichts der bitteren Not ist es kein Wunder, dass 1904 die Sozialdemokraten unter Carl Ulrichs Führung eine Zweidrittel-Mehrheit errangen. Erst 1907 überholten die bürgerlichen Parteien wieder die SPD. Trotzdem blieben eine Reihe von Errungenschaften unangetastet. So die Arbeitszeitreduzierung für städtische Arbeiter von zehn auf neun Stunden, der Unterricht für Kinder mit Sprachstörungen, eine Kindermilchanstalt, sowie Verkaufsstellen für Fisch und Kohle. „Es darf nicht vergessen werden, dass die Stadt für die Armenhilfe 1913 allein 326 000 Mark ausgab,“ sagte Reuter. „Es waren auch damals schon schlimme Zeiten.“

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