Sanierung oder Neubau?

Jahrzehntelanger Sanierungsstau: Vier Millionen Euro Kostensteigerung bei Offenbacher Trauerhalle

Die Trauerhalle wurde nie saniert und ist völlig marode.
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Die Trauerhalle wurde nie saniert und ist völlig marode.

Eigentlich sollte ab diesem Jahr die marode Offenbacher Trauerhalle auf dem Neuen Friedhof durch eine moderne ersetzt werden. Doch die Kosten erhöhen sich. Nun soll geprüft werden, ob der Neubau um zehn Jahre verschoben und vorerst nur für sechs Millionen Euro saniert wird.

Offenbach – Die marode Trauerhalle vom Neuen Friedhof wird die Stadtverordneten erneut beschäftigen: Zwar gibt es ein deutliches Votum der Stadtverordneten vom Dezember 2020 für Abriss und Neubau, doch da nach Überprüfung der Kosten Kämmerer Martin Wilhelm eine Kostensteigerung von vier Millionen auf insgesamt 10,635 Millionen Euro verkündet hat, sollen Betriebskommission und Stadtverordnete noch vor der Sommerpause entscheiden, ob das alte Vorhaben umgesetzt wird oder ob die Halle für sechs Millionen Euro saniert werden soll – um sie für zehn Jahre zu erhalten und dann den längst überfälligen zeitgemäßen Neubau anzugehen.

Die Mehrkosten von vier Millionen Euro kommen durch mehrere Faktoren zustande: einerseits durch die allgemeine Kostensteigerung im Baugewerbe, aber auch durch „höhere Honoraransprüche durch Kostensteigerung“. Außerdem, berichtet der stellvertretende ESO-Leiter Christian Loose, müsse auch die marode Kanalisation unter der Halle dringend saniert werden. „Wie schlimm es um die Kanalisation steht, wurde erst jetzt ersichtlich“, sagt Loose.

Trauerhalle in Offenbach: §ine „traumatische Kostensteigerung“,

Ironischerweise sorgt auch die von Wilhelms Vorgänger Peter Freier zustande gebrachte Einigung mit dem Künstler Bernd Rosenheim für stattliche Mehrkosten von insgesamt einer Million Euro: Eine halbe Million würde es kosten, einen Teil der von ihm gestalteten Fenster in einer neuen Halle unterzubringen, eine weitere halbe Million wäre für die Unterbringung der Portalfensterfront für einen neu einzurichtenden „Raum der Stille“ auf dem Friedhof nötig. Insgesamt komme man so auf Mehrkosten von über vier Millionen Euro, eine „traumatische Kostensteigerung“, wie Loose sagt.

Unumwunden räumen Wilhelm und Loose ein, dass die Stadt, gleich welche Koalition im Rathaus das Sagen hatte, nie etwas in die Sanierung von Kanälen oder Trauerhalle investiert hatte.

Schimmel und Risse - Die Mängel der Trauerhalle

Die Trauerhalle auf dem Neuen Friedhof wurde 1968 erbaut. Der Gebäudekomplex – der eigentliche Saal befindet sich im ersten Stockwerk – ist nicht barrierefrei. Die steile Sargrampe – für Gehbehinderte die einzige Möglichkeit in die Halle– muss im Winter beheizt werden, damit Besucher auf ihr nicht ausrutschen. Da etwa die Fallrohre in Wänden verbaut sind, gibt es regelmäßig Probleme mit Nässe und Schimmel, die Decke unter der Leichenhalle ist von tiefen Rissen durchzogen, Rohre liegen frei. Das Dach ist sanierungsbedürftig, die Leichenhalle benötigt neue Kühlzellen. Auch Sozialräume und Sanitäranlagen sind veraltet und in schlechtem Zustand. Denkmalschutz für die Halle besteht nicht.

Da Wilhelm der Stadt einen strikten Sparkurs verordnet hat und eine drastische Anhebung der Friedhofsgebühren zur Finanzierung weder sinnvoll noch machbar ist, hat Wilhelm der Betriebskommission eine Prüfung vorgeschlagen: Innerhalb von drei Monaten soll festgestellt werden, ob eine „Erhaltungsvariante“ möglich wäre. Diese sieht eine Sanierung der Halle für die kommenden zehn Jahre vor für die bereits genehmigten sechs Millionen Euro.

Allerdings: Die von Wilhelms Vorgänger erstellten Kosten für einen alternativen Erhalt der Halle lagen 2020 bereits bei 6,5 Millionen Euro – ohne dass diese eine Kanalsanierung beinhaltete. Ob sechs Millionen Euro also ausreichen, muss ebenfalls geprüft werden. Die jährlichen Betriebskosten für eine sanierte Halle lägen mit über 51 000 Euro höher als bei einem Neubau (rund 36 000 Euro). Und auch die bisherigen Planungskosten, immerhin über 900 000 Euro, wären für die Stadt verloren.

Offenbach: Neubau oder Sanierung? Trauerhalle sorgt für Diskussionen

Zumal in zehn Jahren sich erneut die Frage nach einem zeitgemäßen Neubau stellt – und dieser würde dann angesichts der Kostensteigerung wohl nicht mehr bei 10,6 Millionen Euro liegen, sondern deutlich höher. Denn an grundlegenden Mängeln der Konstruktion würde sich bei einer Sanierung nichts ändern – die Sargrampe müsste etwa weiterhin im Winter beheizt werden. Man wissen auch nicht, ob der Kanal saniert werden könne, solange die Halle steht, sagt Loose. „Oder ob Dach und Kanal gleichzeitig angegangen werden können.“

Die Prüfung, betont Wilhelm, sei ergebnisoffen. Bis Ende März soll die Prüfung beendet sein, anschließend werden Betriebskommission und Stadtverordnete informiert werden. Möglich, dass die Fachleute zum Ergebnis kommen, eine Sanierung für sechs Millionen Euro sei nicht machbar. „Dann müssen wir irgendwo das Geld hernehmen“, sagt Wilhelm. (Frank Sommer)

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