Vier Zimmer, Küche, Bar

+
Nur im Team werden sie Herr über das „Chaos“: Melanie Schneider, ihr Bruder Oliver, Vater Ulrich und Freundin Ivonne im neugestalteten Gastraum der Szene-Kneipe am Offenbacher Bahndamm.

An einem Tag im Sommer standen plötzlich die Möbel auf der Straße. Die Barhocker, auf denen schon unzählige Geschichten erzählt wurden, die Tische, auf denen schon hundertmal Spielkarten neben Biergläser lagen und die vielen Bilder und Kleinigkeiten, die einst die Wände geschmückt hatten. Von Katharina Platt

Sperrmüll. Das Innenleben ihrer Lieblingskneipe lag am Straßenrand und war nicht mehr Teil eines zweiten Zuhauses, sondern nur noch Schrott. Oliver und Melanie Schneider sowie Ivonne Berg überlegten nicht lange. Nur wenige Tage später standen sie mit dem Schlüssel und einem unterschriebenen Pachtvertrag in dem leeren Lokal. Ulrich Schneider wurde über Nacht zum Inhaber, das Trio hatte eine neue Aufgabe. Seit Jahrzehnten gehört das „Chaos“ zum Nachtleben Offenbachs. Und vor allem zum ersten Ziel am Wochenende für Oliver, Melanie, Ivonne und ihre Freunde. Sieben Jahre stand Oliver selbst hinter der Theke der urigen Eckkneipe. Wie seine Westentasche kennt er jeden Winkel der in die Jahre gekommenen Pinte. Als der damalige Besitzer an Krebs erkrankte und schließlich starb, führte er das „Chaos“ weiter. Solange bis die Frau des Verstorbenen die Türen schloss und schließlich alles was sich hinter ihnen verbarg, auf die Straße stellte.

Nach sechs Monaten Verhandlung und vierwöchiger Renovierung eröffnete das „Chaos“ vor einem Jahr wieder. Sogar Stammgäste halfen, dem Laden einen neuen Anstrich zu verpassen, ohne dabei das urige Image mit der Patina vergangener Zeiten aus dem Gastraum zu kehren. „Als die Leute sahen, dass die Rollläden oben sind, kamen sie rein und haben geholfen“, erzählt Melanie. Bei der Eröffnung platzte der kleine Laden in der Marienstraße 18 aus allen Nähten. „Gut 300 Leute feierten mit uns.“

Viele Gäste kommen alleine

Ein Jahr ist nun vergangen und noch immer öffnet das „Chaos“ fünf Tage die Woche. Im Innern wirkt es aufgeräumter als in den Jahren zuvor, doch der Wohnzimmercharakter ist geblieben. Dunkles Holz und gedämpftes Licht prägen den ersten Eindruck des Besuchers. Ein großer Spiegel über dem Tischkicker lässt den Raum größer wirken. An den Wänden hängen Bilder und Plakate, über dem Tresen Postkarten und von der Decke Schallplatten. „Im Frühjahr gehörten die Flohmärkte uns“, erinnert sich Melanie. Keine gewöhnlichen Accessoires sollten die Kneipe schmücken, sondern Dinge mit Geschichte.

Wer zu erst kommt, setzt sich an die Bar und hält ein Schwätzchen mit der Tresenkraft. „Viele Gäste kommen alleine“, sagt Ivonne. „Zum Lernen, Lesen oder Unterhalten.“ Wer das „Chaos“ besuche, sei kommunikativ und offen. Fast alle Gäste kennen die Schneiders und ihr Team mit Namen. Einige sind seit 20 Jahren Stammgäste. „Die hätten ihr Bier am liebsten heute noch für eine Mark“, erzählt Oliver und lacht. Auch wenn dieser Wunsch nicht zu erfüllen ist: Die Preise sind zivil. Longdrinks gibt es ab vier Euro, einen Bembel für fünf. Obwohl das schlichte Konzept des Traditionslokals seit Jahren Alt und Jung anlockte, sorgte das Trio für Veränderungen. Nicht nur um Kaffeespezialitäten wurde die Karte erweitert, sondern auch um Snacks und kleine Gerichte. Für wenig Geld gibt es Burger, Currywurst, Salate oder Nudeln mit Haschee.

Von der Studentin zur Geschäftsführerin

Das etwas düstere Ambiente und die Einfachheit des Angebots machen aus dem „Chaos“ kein schickes In-Lokal aber eine Szene-Kneipe, die Nachtschwärmer anlockt.

Wenn die Türen der schicken Lokalitäten am Wilhelmsplatz schließen, strömt das Partyvolk nicht selten Richtung „Chaos“. „Am Wochenende kommt nach Mitternacht meist noch ein ganzer Schwall Gäste“, verrät Melanie. Auch einige Gastronome trinken ihr Feierabendbier bei Oliver.

Möglichkeiten, den Abend rum zubekommen, gibt es im „Chaos“ genug. Im Raucherraum steht ein Billardtisch, im Flur ein alter Flipper, außerdem wird Dart und Tischfußball gespielt. Ein Angebot, das es so in Offenbach kein zweites Mal gibt. Auch Fußballspiele werden per Beamer übertragen. Im Sommer heißen Oliver, Melanie und Ivonne ihre Gäste im Biergarten willkommen. Auch das gehört zum neuen Konzept.

Weil sie ihre Freude über das vergangene erste „Chaos“-Jahr mit ihren Freunden und Gästen teilen wollen, lädt das Trio morgen zur Jubiläumsfete. Ab 19 Uhr feiern sie mit einem Getränkespecial und der Offenbacher Rockband „Siva Inc“.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare