Ab ins virtuelle Jenseits

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Jakob Munz (Zweiter von rechts)aus Dietzenbach, Kopf der „Snogard Dragons“ , muss eine Niederlage eintstecken.

Offenbach ‐ Messer gezückt, Granate wurfbereit, Kalaschnikow im Anschlag: Vom Start, dem „Spawn“, wetzen die fünf Spieler der „Snogard Dragons“ los. Es gilt, in so oft geübter Formation, eine Stellung einzunehmen, von der aus sie ihre Gegner ins Kreuzfeuer nehmen können. Von Sebastian Faerber

Einer hat die Aufgabe, sich als Späher anzupirschen. Andere gehen hinter Fässern in Deckung, zielen auf Durchgänge und Türen. Lange müssen sie nicht warten, die Gegner stürmen das Gebäude. Blendgranaten blitzen auf und Feuerstöße strecken Gegner um Gegner nieder, Bildschirm um Bildschirm erlischt.

Die erste Liga der Computerspieler, die „Pro Series“ der „Electronic Sports League“ (ESL), haut in der Stadthalle in die Tasten. Unter ihnen Lokalmatador Jakob Munz aus Dietzenbach, Kopf der „Snogard Dragons“. Gespielt wird unter anderem der Klassiker „Counter Strike“, beinahe ein Synonym für Killerspiele. Begleitet wird das Spektakel von einem hauch Messeatmosphäre: Chip- und andere Hardwarehersteller projizieren ihre Logos in discoreifer Manier an die Wände und etliche Computer mit neuen Spielen warten an Ständen darauf, von den rund 1000 Besuchern entdeckt zu werden.

2,6 Millionen registrierte Mitglieder zähle die ESL

Einer davon ist Oberbürgermeister Horst Schneider, der den Wettkampf offiziell eröffnet. „Ich habe als Kind im Garten auch Räuber und Gendarm gespielt“, zeigt sich der OB tolerant. Ein solches Spektakel in der Gemeinschaft zu zelebrieren, halte er für wenig bedenklich: „Wenn das jemand in seinem stillen Kämmerlein für sich alleine machen würde - aber das hier …“, begründet Schneider und wirkt ein wenig erstaunt über die TV-Kameras, die Lichteffekte - über die mit Technik protzende Maschinerie, die auf Außenstehende befremdlich wirken muss.

2,6 Millionen registrierte Mitglieder zähle die ESL. Klar, dass die Szene auch ihre eigenen Helden hat: Der Fanblock der „Snogard Dragons“ hat sich mit Trikots und Fahnen direkt vor der Bühne, mit Blick auf die zweiten, für das Publikum sichtbaren Bildschirme, breit gemacht. Durch den Rauch der Nebelmaschine und unter tosendem Beifall schreiten die „Dragons“ an ihren Arbeitsplatz - die Live-Übertragungen der „Intel Friday Night Games“ verfolgen laut Organisator via Internet gar weitere 10.000; zumeist männliches Publikum.

Preisgelder von 125.000 Euro

Immer wieder kann das Team von Munz (alias Scorplein) die Führung übernehmen. Die Anhänger der beiden Lager versuchen, sich mit zum Teil aus dem Fußball annektierten Schlachtgesängen zu übertönen. Jedes Team muss einmal in die Rolle der Terroristen und der Polizisten schlüpfen. Dabei gilt es, eine Bombe zu setzten oder zu entschärfe - je nach dem. Doch soweit kommt es in den meisten Gefechten gar nicht: „Oh Scorplein holt zwei Frags!“, überschlägt sich die Stimme des Kommentators vor Begeisterung, als der 26-Jährige die letzten überlebenden Gegner ins virtuelle Jenseits schickt. Passiert das, verdunkelt sich der Bildschirm des getöteten Spielers - und die Halle tobt.

„So jetzt können wir“, tritt Munz nach dem Match selbstbewusst in den Kreis der Journalisten, während in der Halle die nächsten Partien im Spiel „Starcraft 2“ anlaufen. Mit 14:16 hat sein Team das Spiel doch noch verloren. Enttäuscht sei er zwar, aber unter Wert hätten sie sich nicht verkauft. Und beim letzten Turnier der Saison hätten sie immer noch die Chance, die sogenannten „Finals“, die Schlacht der besten Teams, zu erreichen.

Wie fast alle Teams sind die „Dragons“ Werksmannschaften von Hardwareherstellern. Auch wenn diese Saison 125.000 Euro an Preisgeldern ausgeschüttet werden, sei das Gehalt der Spieler nur ein Taschengeld. Da trete schon eher das gesellschaftliche Ereignis, das den Killerspielen selten zugute gehalten wird, in den Vordergrund. Denn nicht nur vor Publikum zu spielen, habe seinen Reiz. Da Munz Teamkollegen über ganz Deutschland verstreut sind und sie sich sonst nur im Netz treffen, seien solche Turniere auch ein gesellschaftliches Ereignis. „Bei mir stehen die Freundschaften im Vordergrund“, so Kapitän „Scorplein“.

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