„Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft“

Zum 50. Jubiläum blickt die Hochschule für Gestaltung Offenbach im Museum Angewandte Kunst in die Zukunft

Ausstellungsansicht „Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt
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Es darf geshoppt werden: Im „Hell Yes Store“ sieht es aus wie in einem Lager eines Versandhauses. In den Paketen befinden sich Kunstobjekte, die per QR-Code gekauft werden können. Die Installation ist eine von rund 30 studentischen Arbeiten, die im Museum Angewandte Kunst zu sehen sind.

Ein Jahr lang Virus-Angst, Videokonferenzen und soziale Isolation: Die „neue Normalität“ hält die Menschen im Ungewissen und justiert den Blick in die Zukunft neu. Die Ausstellung „Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft“ im Museum Angewandte Kunst kommt gerade zur rechten Zeit. Eigentlich. Sie war schon zum 50. Jubiläum der Offenbacher Hochschule für Gestaltung im Jahr 2020 geplant. Wegen des aktuellen Zutrittsverbots wurde sie am 23. April erst mal nur digital eröffnet. Wir durften vor der Eröffnung einen Blick hineinwerfen.

Offenbach/Frankfurt – Der Kussmund des menschlichen Etwas hat sich am Bildschirm festgesaugt. Lippe an Lippe, Auge an Auge mit dem digitalen Gegenüber. Der Sog ist groß, die Umarmung verbogen, kaum zu erkennen, was sich da umgarnt: Kabel oder Gedärme, Mensch oder Maschine? „Cabin Fever“ und „Facetime“ hat Verena Mack ihre großformatigen Illustrationen genannt, die die Ausstellung „Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt still in sich hineinlachend eröffnen.

Kein großes Tamtam wird im Eingang zur Ausstellung gemacht, und das ist genauso gewollt, sagt Ellen Wagner, eine der Kuratorinnen von der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach. Rund 30 nachdenkliche, witzige, geistreiche Kommentare zur Gegenwart und Zukunft warten jetzt auf die Besucherinnen und Besucher – die im ungünstigsten Fall nie kommen werden.

Kunst der HfG-Studierenden auf „extrem hohem Niveau“

„Drei Mal wurde die Eröffnung verschoben“, sagt Ellen Wagner, während sie und ihre Kollegin Irina Denkmann die Rampe des Museums Angewandte Kunst hochführen. Eigentlich war die Schau zum 50. Jubiläum der HfG im vergangenen Jahr geplant. Jetzt endlich haben sich Hochschule und das Museum dazu entschlossen, die Ausstellung trotz ständig neuer Zutrittsregeln und -verbote zu eröffnen – rein digital erst mal.

Dass das Projekt zustande gekommen ist, bedeutet für die Studierenden viel: Sie haben sonst selten die Chance, sich in einem Museum zu präsentieren, wie Museumsdirektor Matthias Wagner K. betont. Das Projekt sei durchaus ein Wagnis gewesen. „Aber das Thema war einfach so gut“, sagt Wagner K. Das Ergebnis: „Auf extrem hohem Niveau.“ Seit 2019 gibt der Direktor als Honorarprofessor das Seminar „Curating and Criticism“ an der HfG. Daraus entwickelte sich die Idee zur Ausstellung.

Aus dem Museum Angewandte Kunst wird ein Livestream gesendet

„Wir haben uns überlegt, nicht 50 Jahre zurück, sondern 50 Jahre nach vorn zu schauen“, erklärt Ellen Wagner das Konzept der Schau. Im Gegensatz zu den Formeln und Prognosen, die seit einem Jahr den Blick in die Zukunft bestimmen, haben sich die Studierenden auf ein unsicheres Terrain begeben: auf das weite Feld einer Gegenwart, in der alle möglichen denkbaren Szenarien heranwachsen. In die Zukunft zu schauen, bedeutet für sie erst mal, das Jetzt zu filtern.

„Heute“ ist dementsprechend der erste Raum des Rundgangs benannt, in dem ein „Status quo“ der derzeitigen Lebenswelt beschrieben werden soll. Er ist zugleich die Schnittstelle zwischen virtueller und analoger Welt. Vor einer Projektionsfläche hockt die Studentin Fan-Yu Pu auf dem Boden und drückt auf einem Synthesizer herum: Probesession. Elektronische Musik hallt aus den Lautsprechern. Technik- und Regieleute sind kurz vor der Mittagspause in ihre Arbeit an einem großen Mischpult vertieft, das wahrscheinlich auch für eine professionelle Theateraufführung reichen würde. „Das ist unser Recording-Room. Von hier aus senden wir den Livestream“, sagt Ellen Wagner. Übers Internet sollen regelmäßig Performances zu sehen sein – reales Publikum wird auch für die Aufführungen vorerst nicht zugelassen.

Auch einen Podcast zum Thema Zukunft gibt es an der Offenbacher Kunsthochschule

Der Stream ist nur eine der medialen Erweiterungen der Ausstellung: Im vergangenen Herbst startete auch schon ein Podcast mit dem Namen „Off_line“ an der Hochschule, der sich mit Zukunftsfragen beschäftigt, etwa damit, wie solidarisch, queer, nachhaltig, virtuell erweitert, weiblich oder demokratisch unsere Gesellschaft sein wird.

Zurück in das analoge „Heute“: Zwei großformatige Gemälde von Christian Leicher fangen den kontemplativen Aspekt vorbeirauschender Landschaften beim Pendeln ein. Paul Pape stellt drei Industriefilter aus, auf denen Partikel aus der Luft ihre Spuren hinterlassen haben. Mit einem selbst gebauten Trichter lässt Pape die Filter in verschiedenen Umgebungen die Verunreinigungen aufsaugen, an Straßen – aber auch in Wäldern. Schmutzig ist’s überall.

Es sollte kein Ersatz für den „Rundgang“ an der HfG Offenbach werden

Svetlana Mijic dokumentiert den Lockdown in Italien, indem sie Bilder von öffentlichen Überwachungskameras präsentiert: Ohne die üblichen Menschenmassen wirken die Touristen-Hotspots wie Szenen aus einem Tagtraum.

Mobilität, Klimaveränderung, Lockdown – das sind nur einige Eckpunkte, mit denen das Gegenwärtige umrissen wird. Sieben Räume hat das kuratorische Team bespielt, zu dem neben Ellen Wagner und Irina Denkmann weitere acht Studierende und HfG-Mitarbeitende gehören. „Es sollte kein Ersatz für den ,Rundgang‘ sein“, sagt Ellen Wagner. Anders als zu der jährlichen Werkschau, bei der alle HfG-Studierende ihre Arbeiten ausstellen, mussten sich die jungen Künstlerinnen und Künstler, Designerinnen und Designer um eine Teilnahme bewerben. Aus 160 Einreichungen wurden 27 Projekte ausgewählt.

Die Ausstellung „Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft“ steckt voller Diskussion und Hirnschmalz

Die Entscheidung, relativ wenige Werke zu zeigen und diese dann auszuwählen, sei eine der schwersten Aufgaben gewesen, erzählen die Kuratorinnen. Die Ausstellung steckt ganz offensichtlich voller Diskussion und Kompromiss, und man sieht, wie viel Hirnschmalz investiert wurde: angefangen bei einer geräumigen Ausstellungsarchitektur, deren großflächige grafische Gestaltung an einen riesigen Wurm erinnert – oder an Wurmlöcher –, über thematische Überschriften bis hin zu Wandtexten, Untertexten und Unter-Untertexten. Trotz der Vielschichtigkeit ist die Ausstellung ziemlich leicht zugänglich, was nicht nur an einer guten Dramaturgie liegt, sondern auch daran, dass die Arbeiten an eigene Alltagserfahrungen anknüpfen.

Die Mikrofon-Installation „user-380717038“ von Bastian Kämmer nimmt elektromagnetische Strahlung auf, und ein Computerprogramm komponiert daraus Musik, die auf der Streaming-Plattform Soundcloud angehört werden kann.

Eine Frage der HfG-Studierenden lautet: Haben wir überhaupt eine Wahl?

Technische Errungenschaften als nette Helfer – oder als Notwendigkeit, die Macht ausübt? Die schnellen Entwicklungen in der Technik und im Digitalen werfen grundsätzliche Fragen auf, sagen die Kuratorinnen. Etwa: Haben wir überhaupt eine Wahl, ob wir mit ihnen leben wollen? Schutz vor der Verfolgung durch Tracking-Kameras könnte zum Beispiel eine Jacke mit einer speziellen, reflektierenden Oberflächen-Struktur bieten, die Hannah Weirich konzipiert und designt hat.

Das Befremdliche an der Normierung und Selbstoptimierung im Internet stellt die Arbeit „How to become an image“ von Armin Arndt zur Schau. Aus 11 000 Instagram-Bildern sich verrenkender Yogafrauen generiert ein Computerprogramm ineinander verschmelzende Fake-Bilder von unechten Menschen in typischen Yoga-Positionen vor auswechselbaren Wohlfühl-Kulissen. Das Motto: Wenn du ein Foto werden willst, musst du die Ikonografie beherrschen. Durch den Lockdown und die wachsende Tutorial-Kultur habe seine Arbeit noch mal einen neuen Aktualitätsbezug bekommen, sagt Armin Arndt.

Im Museum Angewandte Kunst darf auch geshoppt werden - sobald der Zutritt wieder erlaubt ist

Einen kritischen Blick auf das menschliche Verhalten in Zeiten pausenloser Reizüberflutung, überspannter gesellschaftliche Erwartungen und ständigem Konsum werfen die Ausstellungsmacherinnen im Abschnitt „Irritationen“. Eine Stimme trichtert einem ein, zu kaufen, mehr zu kaufen, während die Besucherinnen und Besucher – sobald wieder möglich – durch den „Hell Yes Store“ stöbern können. Dort stapeln sich die Pakete wie in einem Produktlager eines großen Versandhauses. In den braunen Verpackungen lagern Kunstobjekte: Mal sind es Unikate, mal Massenprodukte wie Basecaps, Halstücher oder bedruckte Kondome. Per QR-Code und Paypal kann geshoppt werden – Konsumgeilheit kennt keine Grenzen, auch nicht auf dem Kunstmarkt.

Die Risiken und Nebenwirkungen eines turbokapitalistischen Systems und eines rücksichtlosen Lebensstils werden gegen Ende des Rundgangs vorgeführt. „Wollen wir so etwa weitermachen?“, scheint eine der vielen Fragen zu sein, die sich die Ausstellung vorgeknöpft hat.

Offenbacher Studierende hat ihre Eindrücke von Tschernobyl in schönes Rosa gekachelt

Die Italienerin Beatrice Bianchini war 2019 in Tschernobyl und hat ihren Eindruck vom Ort der Nuklearkatastrophe in lieblich-heimeliges Rosa gekachelt: In ihrem kulissenhaft aufgebauten Badezimmer bricht die Keramik von der Wand. Die radioaktive Strahlung – aktuell auch umdeutbar auf das Coronavirus – hat sich als unsichtbare Gefahr in Acrylglas-Kuben verkapselt. „Das sind keine Readymades“, beteuert Kuratorin Ellen Wagner mit undurchschaubarer Miene. Ein Glück für alle, die sich in einer Kunst-Ausstellung nicht der Aura echter Brennstäbe aussetzen wollen.

Zum Abschluss des Rundgangs geht es um utopische Entwürfe, um „fiktiv-hybride Lebensformen“ und „post-digitale Wohnräume“. Ganz ohne einen Blick zurück kommt die Ausstellung dann aber doch nicht aus. Wer den Zeittunnel in die Vergangenheit wirklich sucht, findet ihn in Raum vier hinter einer Trennwand versteckt. Alte Zeitungsartikel aus den ersten Jahren der Hochschule und fotografische Impressionen der Popkultur- und Designgeschichte der 1970er Jahre sind dort collagenartig zusammengestellt. Auch ein Foto des legendären „Reifensofas“ ist zu sehen, das die Gruppe DES-IN um den ehemaligen HfG-Professor Jochen Gros damals entworfen hatte – ein Recycling-Design bestehend aus Autoreifen und Jute. „Es ist schon lustig“, sagt Irina Denkmann: Retrospektiv betrachtet falle einem auf, dass einige Fragestellungen bis heute immer wieder neu bearbeitet würden. Allen voran die große Frage danach, wie man mit Kunst und Design die Gesellschaft gestalten und verändern kann. Da steckt noch einiges unbeantwortet in der Zeitschleife fest. Oder anders formuliert: Die Zukunft existierte schon damals – und folglich existiert sie auch heute. Unterm Strich doch eine ganz beständige Sache, das Morgen.

Von Lisa Berins

Digitaler Besuch in der Ausstellung

„Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft“ läuft bis 4. Juli im Museum Angewandte Kunst Frankfurt. Plattform für den digitalen Besuch ist die Website https://aussicht.space. Dort werden Videorundgänge hochgeladen, in denen die Kuratorinnen und Kuratoren mit Künstlerinnen und Künstlern sprechen. Infos zu den Performances sowie der Livestream sind ebenfalls auf der Seite zu finden.

Unsichtbare Gefahr im heimeligen Ambiente: Beatrice Bianchini verarbeitet die Tschernobyl-Katastrophe. 
Viel diskutiert, alles durchdacht: Ellen Wagner und Irina Denkmann arbeiten im kuratorischen Team.
Mensch oder Maschine, Hirn oder Festplatte? Die Arbeiten „Cabin Fever“ und „Facetime“ von Verena Mack eröffnen die Ausstellung.
Aus dem Museum wird ein Livestream gesendet.

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