Vokaler Vulkanausbruch

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Die Menge im Griff: Joy Fleming hatte in der Fahrzeughalle der Offenbacher Verkehrsbetriebe keine Spitzenakustik.

Offenbach - Das dröhnt wie pure Energie. Wenn die 40 Busse, die normalerweise in der Halle an der Hebestraße stehen, gleichzeitig ihre 300-PS-Diesel starteten, könnte es kaum effektvoller röhren. Mit der ersten Note packt das außergewöhnliche Organ das Publikum, eine schier spielerisch über vier Oktaven turnende Wucht am Mikrofon verblüfft. Joy Fleming räumt ab. Von Thomas Kirstein

Da spielt es keine allzu große Rolle, dass die Akustik unter dem Aluminium-Dach des lang gestreckten Depots der Offenbacher Verkehrsbetriebe weit von Musikhallen-Qualität entfernt ist. Das Experiment der Offenbacher Verkehrsbetriebe, zum 125. Nahverkehrs-Jubiläum Offenbach erstmals in ihrer Fahrzeughalle rocken zu lassen, ist dennoch gelungen. Mehr als 1300 zahlende Gäste werden bei schweißtreibender Temperatur verwöhnt: mit fröhlichem Beat von Geoff and the Magictones, feinstem Soul von Waymond Hardings bläserstarken Soulprotectors, und zum krönenden Abschluss eben von der Urgewalt aus Mannheim.

Eingestimmt wurde das Publikum von Waymond Harding und seinen Soulprotectors.

Ich hob’ hier uff de Biehn en dodal beschissene Sound, ich hoff’, ihr hobt en bessere“, meint Joy Fleming in jenem unverkennbaren Dialekt, in dem sie Ansagen und Mitsing- und Mitklatsch-Animation bestreitet. Singt sie, ist sie die großartige Diva auf Weltniveau, babbelt und witzelt sie, das bodenständige Mannemer Schlappmaul: „Jetzt mach ich aich e Lied, wo ihr alle kennt.“

Bei John Lennons „Imagine“ schmilzt das früh- bis spätmittelalterliche Publikum schmusend dahin; den Sade-Langweiler zum Auftakt macht eine explodierende Version von Spencer Davis’ „Keep on Running“ vergessen; bei Chris Reas „On the Beach“, erfährt jeder, der’s noch nicht gewusst hat, dass die Joy eigentlich Erna heißt; nach leicht Süßlichem von Lionel Ritchie krachen Gary Moores „Walkin’ By Myself“ und „Still Got The Blues“, dies auf den Saiten zelebriert vom vortrefflichen Gitarristen Maher Fladung. Und dann ist da noch der unverwüstliche „Neckarbrückenblues“, mit dem sie 1971 einen ihrer wichtigsten Erfolge feierte. Wer den live erlebt, darf einen Vergleich mit Janis Joplin wagen. Dass Joy im November das Rentenalter erreicht haben wird (die Joplin war übrigens nur drei Monate jünger als die Fleming), ist in keiner Sekunde zu hören.

Das Publikum war begeistert.

Optisch ist die Frau ja Galaxien von jenem Model-Typ entfernt, der heutzutage so vor Mikrofone und Kameras gescheucht wird. Musikalisch aber auch. Dass es mit dem ganz großen Durchbruch für Deutschlands vielleicht stärkste Stimme nicht geklappt hat, muss ihre Offenbacher Fans nicht verdrießen: Ihre Erna bleibt bezahlbar, und das beschert ihnen zu einem angemessenen Eintrittspreis das Erlebnis eines vokalen Vulkanausbruchs.

Auf den ist das Publikum bestens eingestimmt (wenngleich einige eingefleischte Oldie-Fans die rockig-harte Nummer nicht bis zum Ende durchhalten). Lokalmatadoren haben vorgelegt. „Geoff“, der wuchtige Gottfried Frickel, lässt mit seinen „Zaubertönen“ die Sechziger und frühen Siebziger auferstehen. Sänger und Saxophonist Waymond Harding huldigt mit seinen zehn Mitstreitern dem schwarzen Soul - eine Allstars-Band erster Güte, mit Sänger Rick Cheyenne und Musical-Sängerin Simone Kerchner, fettem Bläsersatz und treibender Rhythmusgruppe. Da kocht die ohnehin aufgeheizte Halle.

Hugo „Hucky“ Reinhardt, OVB-Mobilitätsberater mit Vergangenheit als Heavy-Metal-Veranstalter, moderiert gemeinsam mit dem Kollegen Thomas Stahl. Umbaupausen werden geschickt überbrückt, damit kein Leerlauf die Stimmung tötet. Es gibt Halbplayback-Einlagen von Rick Cheyenne und Simone Kerchner sowie eine Lasershow vom Offenbacher Andreas Dequis.

Dank der Begrüßung durch die OVB-Chefs Volker Lampmann und Alois Rautschka wissen die Gäste auch, welchem Umstand sie den Abend zu verdanken haben: weil nämlich vor 125 Jahren die erste elektrische Straßenbahn den Verkehr zwischen Offenbach und Frankfurt aufgenommen hat.

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