Volkshochschule

Paarmassage für Schneiders

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Von der Vorlesungsstätte zur Anlaufstelle in Bildungsfragen: Seit ihrer Gründung 1919 hat die Volkshochschule Offenbach einen langen Weg zurückgelegt. Jetzt feierte sie stolz ihre ersten 95 Jahre. Vhs-Leiterin Dr. Gabriele Botte hielt die Festrede.

Offenbach - Nachkriegsjahre sind keine schlechte Zeit, eine Vhs ins Leben zu rufen. Das verdeutlichte Leiterin Dr. Gabriele Botte in ihrer launig-informativen Ansprache im bestens besuchten Saal an der Berliner Straße. Von Markus Terharn 

Trotz des Schocks der Niederlage und der ungewissen Zukunft sei da viel Elan gewesen. Auf Initiative des Sozialdemokraten Bernhard Katz und des Pfarrers Wilhelm Dittmar formierte sich ein Ausschuss, der sämtliche gesellschaftlichen Gruppen integrierte. Die Wurzeln reichten jedoch zurück bis 1848 und – in Offenbach wenig überraschend – in die Arbeiterbewegung.

Als Budget bewilligte die Stadt 20.000 Reichsmark. Im Winterhalbjahr 1919 startete die erste „Volksvorlesung“, hat Botte recherchiert. „Dazu kamen bis zu 300 Interessenten ins Schloss.“ Eröffnung war am 14. Oktober mit einem Volkskunstabend, über den die Lokalzeitung ausgiebig und im pathetischen Stil der Zeit berichtete.

Ab 1933 wurde die Volkshochschule von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet, gelangten Fächer wie Rassenkunde auf den Lehrplan. Und nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Vhs in den Plänen der amerikanischen Besatzer schon 1945 eine wichtige Rolle bei der politischen Umerziehung der Deutschen. Sie „dient dem demokratischen Gedanken, aber keiner Partei im Besonderen“, hieß es.

Unabhängig von Herkunft, Kultur, Religion oder Partei

Die Ideen der 60er schlugen sich ebenso nieder wie die Bildungsexpansion der 70er, als das Hessische Volkshochschulgesetz die Landeszuschüsse regelte und die Frauenbegegnungsstätte entstand. In den 80ern häuften sich ökologische und psychologische Themen. Und in den 90ern wurde die Vhs zur „PC-Schule der Nation“, so Botte.

Ab 2000 brach sich der Gesundheitsboom Bahn. Auf die laufende Dekade werde man als die der Migration und Integration zurückblicken, schaute die Chefin voraus. Als „Gemischtwarenladen“ in kommunaler Trägerschaft habe die Vhs mit ihren 30 Kooperationspartnern ein „Alleinstellungsmerkmal“ in der Bildungslandschaft.

Seit 22 Jahren steht Botte an der Spitze der Einrichtung – Peter Schneider ist ihr zehnter Bildungsdezernent. Dem Bürgermeister fiel zum Thema gleich der Besuch einer Paarmassage mit seiner Frau ein. Und eine Menge mehr: Auftrag und Selbstverständnis aller 900 Volkshochschulen sei „Offenheit – Vielfalt – Begegnung“, was für Offenbach besonders gelte. „Diese Vhs ist wirklich für alle offen, unabhängig von Herkunft, Kultur, Religion oder Partei“, so der Grüne, der auf Bottes Tipp das Weiterbildungsgesetz studiert hatte. Ihr Angebot sei „bedarfsgerecht, niedrigschwellig und bezahlbar“. Teilnahme an Veranstaltungen stärke die Teilhabe am öffentlichen Leben. Und in Sachen Bildungsberatung sei die Vhs „die“ Anlaufstelle.

Vhs-Ostermarkt Rodgau

Vhs-Ostermarkt

Ein Auszug aus der illustren Gästeliste zeugt von ihrer hohen Wertschätzung: Landtagsvizepräsidentin Heike Habermann, Ex-OB Walter Buckpesch, Ex-Stadtrat Ferdi Walther, Stadtälteste Lore Ringwald, Stadträte Dr. Enno Knobel, Christel Reichenbach und Gerhard Länder, Ex-IHK-Chefin Eva Dude, Sparkassenvorstand Werner Schwind, Mark Dainow von der Jüdischen Gemeinde.

Musik machte Pianist Peter Josef Kunz-von Gymnich. Von unterhaltsamen Klängen aus der Zeit vor 1919 spannte er den Bogen über ernsthafte Werke des in Hanau geborenen Paul Hindemith aus dem Gründungsjahr zu Operettenweisen der 20er. Mit Sekt und Häppchen gestärkt begaben sich die Besucher dann in den ersten Stock, wo eine Ausstellung an die Anfänge erinnert.

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