Einstiges Erziehungsheim des Kreises Offenbach: Geschichte des muss neu geschrieben werden

Vom Pfarrer in den Tod geschickt

Das Kreiserziehungsheim  Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre.
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Dieses Foto des Kreiserziehungsheims entstand vermutlich Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre.

Christian M., vergiftet mit Kohlenmonoxid in Hadamar 1941; Willi K., „liquidiert“ in Hadamar 1944. Zwei dokumentierte Schicksale von vielen weiteren, die wohl nie mehr aufklärt werden. Die jungen Menschen waren zuvor im Erziehungsheim des Kreises Offenbach (in Mühlheim, auf dem heutigen Gelände der Bereitschaftspolizei) untergebracht, von wo aus sie seinerzeit systematisch zur Zwangssterilisation oder in den Tod geschickt wurden.

Offenbach/Mühlheim - „Ich habe mittlerweile Belege, dass das Kreiserziehungsheim Teil der Umsetzung der erweiterten Euthanasie im Dritten Reich war“, sagt Frank Zimmermann. Der Mühlheimer hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein braunes Kapitel regionaler Geschichte ans Licht zu zerren, über das – wie nicht selten bei dieser Thematik – nur zu gern der Mantel des Schweigens geworfen wurde.

Neben bereits gut aufgearbeiteten Bedeutungen vergleichbarer Einrichtungen, zum Beispiel des Kalmenhofs in Idstein oder des Eichbergs im Rheingau, sei der von den Nazis sogenannte besondere Erziehungsauftrag für das Kreiserziehungsheim Mühlheim bisher unbekannt, so Zimmermann. Dieser Erziehungsauftrag habe nichts anderes beinhaltet, als Zöglinge der Ermordung in der Tötungsanstalt Hadamar zuzuführen. „Aus den bisherigen Erkenntnissen ergibt sich, dass diese Rolle von keiner offiziellen Seite – weder von der Stadt Mühlheim noch vom Kreis Offenbach – bisher umfassend aufgearbeitet wurde.“ Lediglich in den 1980er-Jahren, das hat Frank Zimmermann bei seinen Recherchen herausgefunden, war mit einer Ausstellung und einer Diskussionsveranstaltung zur NS-Zeit in Mühlheim das Thema am Rande öffentlich beleuchtet worden. Schon damals hatten Zeitzeugen von unvorstellbar brutalen Methoden im Kreiserziehungsheim berichtet. Es war 1895 errichtet worden, 1951 zog die Bereitschaftspolizei in das Gebäude.

Wie sehr die Geschichte der Einrichtung unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann, mögen zwei Beispiele aus verschiedenen Jahrzehnten belegen: „Kinder und Jugendliche, die aus zerrütteten Familienverhältnissen stammten oder Waisen waren und deshalb im Kindererziehungsheim Mühlheim untergebracht waren, wurden hier zwangssterilisiert. Seit 1938 wurden hier auch Kinder und Jugendliche aus der aufgelösten Anstalt Klein-Zimmern untergebracht. Die NS-Heimleitung erzog die Kinder strikt im nationalsozialistischen Sinne“, heißt es in der „Topografie des Nationalsozialismus in Hessen“ des landesgeschichtlichen Informationssystems. Von „bösen Buben, die durch Beschäftigung insbesondere in der Landwirtschaft, durch Unterricht und Belehrung wieder in die Gesellschaftsordnung einzuführen sind“, spricht dagegen verharmlosend eine nicht datierte Publikation aus der Nachkriegszeit.

Eine zentrale Rolle in der gut geölten Maschinerie der Grausamkeit spielte der Anstaltsleiter Pfarrer Hans Hoffmann. Der stramme Nazi hatte die Leitung des Heims von seinem Vater übernommen und war bis 1945 dort als Direktor tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er 1948 unbehelligt in den Dienst der Kirche zurück, war von 1951 bis 1968 evangelischer Pfarrer in Rumpenheim.

„Neben seiner Rolle als führender Nationalsozialist in Mühlheim, verantwortete er als Anstaltsleiter der Kreiserziehungsanstalt die Umsetzung der Rassenhygiene des Dritten Reichs durch Sterilisationen bei Kindern und Jugendlichen. Zudem hat er mit seinen anvertrauten Jugendlichen aktiv an der Zerstörung der Mühlheimer Synagoge in der Reichspogromnacht mitgewirkt“, berichtet Frank Zimmermann.

Was nicht nur er als Ungeheuerlichkeit empfindet: Die regionale Historie zeichnet vom Nazi-Pfarrer trotz Kenntnis seiner Tätigkeit als Anstaltsleiter ein geschöntes Bild. So habe ihm etwa Helmut Hill, der Autor des 2006 erschienen Werks „Rumpenheim und Waldheim - Lebendige Stadtteile von Offenbach am Main“ bestätigt, dass die die Vorgeschichte des Pfarrers Hans Hoffmann und seine aktive Rolle als führender Nationalsozialist in Mühlheim, sowohl ihm als auch der Bevölkerung in Rumpenheim bekannt gewesen sei. Zimmermann: „Eine erläuternde Klarstellung hielt Hill weder zum damaligen Erscheinungsdatum noch heute für notwendig.“

Stattdessen enthält das Buch Erinnerungen von Hofmanns Tochter, die ihren Vater ausführlich als rührenden Seelsorger und Hobbyimker beschreibt, dessen „liebe zum Dienst, zu seiner Familie und der Natur“ für ihn die „Grundlage seiner christlichen Lebensweise und seines Glaubens“ gewesen sei.

In der NS-Zeit hatte sich indes ein anderer Hans Hoffman offenbart. Im Fall des eingangs genannten Willi K., der nach Strafverbüßung in einem Jugendgefängnis „wegen missbräuchlicher Fahrradbenutzung, Unterschlagung und Schulversäumnis“ kurz im Kreiserziehungsheim Mühlheim untergebracht war, schlug Heimleiter Hans Hoffmann vor, „bei diesem gemeinschaftsfremden Analphabeten „möglichst schnell zur endgültigen Liquidation zu kommen.“

Einem weiteren 15 Jahre alten Jungen, der von Oktober 1934 bis Mai 1935 in seiner Anstalt untergebracht war, bescheinigte der Pfarrer in einer zustimmenden Stellungnahme zum Antrag auf Zwangssterilisation des Erbgesundheitsgerichts am Amtsgericht Offenbach: Schon konstitutionell sei er das ausgesprochene Bild der Degeneration: „Vogelkopf, vorstehender spitzer Oberkiefer, hoher Gaumen, schlotternder Gang, schmächtiger Körperbau bei weit über das Alter entwickelten Geschlechtsmerkmalen.“

Frank Zimmermann sucht

weitere Belege und mögliche Zeitzeugen sowie deren Verwandte zu den Geschehnissen im Kreiserziehungsheim in Mühlheim. Wer dazu beitragen kann, diesen Abschnitt regionaler Historie aufzuarbeiten, sollte sich bei ihm melden (die Informationen werden vertraulich behandelt): E-Mail: frank.zimmermann 61@yahoo.de

Von Matthias Dahmer

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