Kultur

Musical „Tommy“ wird vor 25 Jahren in Offenbach zum Trauerspiel

Nur kurzlebig: Das Erfolgsmusical am Main wurde ein Trauerspiel.
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Nur kurzlebig: Das Erfolgsmusical am Main wurde ein Trauerspiel.

25 Jahre ist es nun her: Der Musical-Matador „Tommy“ im Theater in der Goethestraße in Offenbach endet jäh in einem Debakel.

Offenbach – „Tilt“, „Game over“: Nur wenige Schlagzeilen verzichteten im Sommer vor 25 Jahren auf Wortgeklingel aus der Flipperszene. Nach 14 turbulenten Monaten hatte der Musical-Matador „Tommy“ im Theater in der Goethestraße seine letzte Silberkugel verschossen.

Unzählige Feuerzeuge illuminierten am Samstag, 15. Juni 1996, noch einmal den Titelsong „See me, feel me, touch me“. Gänsehaut pur vor endlich ausverkauftem Haus. Hauptdarsteller Michael Cerveris und das Ensemble glänzten wie immer. Auch sie wurden Opfer eines finanziellen Vabanquespiels. Dessen Inszenator Peter Rieger musste mit dem Konkurs seine Broadway-Träume am Main begraben.

„Tommy“ erzählt die Geschichte eines Jungen, der als Kind im Spiegel sieht, wie sein Vater den Liebhaber seiner Mutter erschießt. Fortan blind, taub und stumm wird er dank seiner Intuition zum Flipperkönig, der den „Pinball Wizard“ schlägt. In der Theaterwelt Manhattans avancierte das Musical, von Pete Townsend (Kopf der Band „The Who“) als Rockoper komponiert, zum Kassenschlager. Ein Erfolg, den Peter Rieger auf dem boomenden deutschen Markt der Singspiele zu übertrumpfen trachtete. Fünf Jahre waren geplant, aber Rieger vermochte nur wenig mehr als eins im Spiel zu bleiben.

„Modell Offenbach“ sollte die Stadt bundesweit bekannt machen: Musical „Tommy“ floppt

Dabei hatte der erste Akt hoffnungsvoll begonnen. Am 29. April 1995 schnupperten 700 Schaulustige Premieren-Luft auf der Goethestraße. Über den roten Teppich flanierte Schauspielerin Hannelore Elstner, Olympiasieger Michael Groß, Ex-Bundestrainer Berti Vogts, Klaus Meine von den Scorpions und die TV-Moderatoren Michael Friedmann und Kai Pflaume.

Der Student Peter Rieger verkaufte einst Schallplatten in Offenbach und organisierte nebenbei Konzerte. Mit Instinkt verschaffte er sich Respekt in der Branche, schickte Weltstars wie Phil Collins, Pavarotti und Meat Loaf auf Tournee. Ein Mittelständler auf dem Weg nach oben.

Auch Offenbach wollte mehr. Der junge Oberbürgermeister Gerhard Grandke sorgte mit seinem „Modell Offenbach“ bundesweit für Furore, wollte die Stadt, seit dem Zusammenbruch ihres industriellen Kerns im Koma, auf Augenhöhe mit ihren Nachbarn katapultieren.

Musical-Experten kommen aus New York nach Offenbach: Theater „wie gemacht für Tommy“

Der Impresario auf der Suche nach einer preiswerten Bühne mitten im Land und die Stadt, die auf neues kulturelles Profil hoffte, ohne die leeren Kassen zu strapazieren, kamen zusammen.

1993 machte der Magistrat den Mietvertrag für sein marodes, von der Bauaufsicht gesperrtes Theater perfekt. Laufzeit: 25 Jahre plus Bürgschaft über zehn Millionen D-Mark für den Umbau der 1916 errichteten, 1938 geschändeten Synagoge.

Ab Januar 1995 kamen wöchentlich Choreografen und Bühnenbildner aus New York nach Offenbach. Rieger stellte 250 Bühnentechniker, Künstler und Schneiderinnen ein, deutlich mehr als kalkuliert, Rollen mussten doppelt besetzt werden.

Pete Townsend oder Regiestar Des McAnuff lobten auf Pressekonferenzen den ungewöhnlichen Charakter des Theaters „wie gemacht für Tommy“. Auch Offenbach –Stadt, Hotellerie und Handel – bereitete sich auf eine Musicalkarriere vor: Die Volkshochschule lernte gemeinsam mit Frankfurt Gästeführer an. Presseamt und Hotels veröffentlichten Flyer zu Sehenswürdigkeiten und boten Tommy-Menüs mit Mitternachtsschampus.

Musical „Tommy“ wird in Offenbach zum teuren Trauerspiel: Trotz durchaus positiver Kritiken

Der ambitionierte Umbau, die Erhöhung seiner Kapazität auf 1100 Plätze und die erstklassige Inszenierung forderten ihren Preis. Die Kosten verdoppelten sich. Die angeblichen zehn Millionen D-Mark, die Peter Rieger und seine Mitgesellschafter Alexander Steiman und der -– später nach seiner Entführung ermordete – Jacub A. Fiszmann in das Projekt investierten, waren bald verbraucht. Frisches Geld versprach die Vorverlegung der Premiere in die flaue Sommersaison. Eine Fehleinschätzung, zumal bei Ticketpreisen von bis zu 90 Euro.

Als Organisator von Tourneen beherrschte Rieger das schnelle, überschaubare Geschäft. Um ein Theater langfristig zu füllen, waren aber strategisches Denken, langer Atem und vor allem Geld notwendig. Auch wenn das „Tommy-Management“ mit fantastischen Verkaufsrekorden prahlte, die Reihen waren einem Monat nach dem Start allenfalls zur Hälfte besetzt, trotz hoher Rabatte und Verlosungen.

Dabei würdigte die Kritik Inszenierung und künstlerische Leistung des Ensembles. „Tommy“ lasse die üblichen Andrew- Lloyd-Webber-Routinen verblassen. Doch Rieger fehlte Geld, um auf das Stück neugierig zu machen. Das Budget reichte nicht einmal für TV-Spots, Plakate oder Inserate in der Region. Die knappen Mittel versandeten für Aufdrucke auf Brötchentüten und bei aktionistischen Presseterminen mit eingeflogenen Stars wie Liza Minelli. Peinliche PR-Inszenierungen folgten. Der Heiratsantrag eines Fans auf der Bühne taugte allenfalls für TV-Klatschsender. Komparsen im Publikum gaukelten ein ausverkauftes Haus vor. Manche Idee wirkte verzweifelt skurril. So sollten vor den Musicaltheatern in Hamburg Urlauber überzeugt werden, auf Offenbach umzubuchen. Zu ihrem Transport sollte die Stadt als Sponsor einen ICE anmieten.

Erfolg des Musicals „Tommy“ in Offenbach bleibt aus: Umgerechnet 8,5 Millionen Euro Schulden

Als der Erfolg ausblieb, übernahm Rieger selbst die Geschäftsführung. Berater kamen und verschwanden. Ihre Rezepte: ähnlich hilflos wie die Exorzismen der Wunderheiler, die „Tommy“ von seinen autistischen Fesseln befreien wollten, wie eine Journalistin bemerkte.

Im Winter spitzte sich die Krise zu. Eine professionelle Werbekampagne der Offenbacher Agentur MAD kam zu spät, um Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Handwerker und Lieferanten klagten über offene Rechnungen. Mietzahlungen blieben aus. Als die Banken die Kreditlinien kappten, wurden Löhne und Gagen nur mit Verspätung gezahlt. Erschöpft verabschiedete sich Rieger ins Sanatorium. Ihn ersetzte Reiner Schäfer, Ex- Eintracht-Geschäftsführer, im Musical-Geschäft unerfahren.

Im Februar 1996 meldete Schäfer für die – nach heutiger Währung – mit rund 8,5 Millionen Euro überschuldete Musical GmbH Konkurs an. Das Urteil von Sequester und Richter war vernichtend: Lizenzgebühren, die nicht zu erwirtschaften seien, eine von Anfang an zu dünne Kapitaldecke und weniger als 40 Prozent Auslastung. Zur Kostendeckung hätten 95 Prozent der Plätze verkauft werden müssen. Nach Einschätzung der Wirtschaftsprüfer gab das Management das Geld „unprofessionell mit vollen Händen aus und sammelte die Rechnungen anschließend in Schuhkartons“.

Unser Autor Matthias Müller war seinerzeit ganz nah am Geschehen in der Goethestraße dran. Als damaliger Leiter des Amts für Öffentlichkeit und enger Vertrauter von OB Grandke hat er das Debakel quasi als Insider miterlebt.

Traum vom Musical in Offenbach endet jäh: Abschied von der Rockoper „Tommy“

Die Aufführungen der nächsten drei Monate sicherte das Konkursausfallgeld. Schäfer, Rieger, Steiman und Fiszmann versprachen, mit neuen Kapitalgebern, Sat 1 als Medienpartner und Stücken wie „Sisterella“ oder „My Fair Lady“ könne der Musicaltraum in Offenbach weiterleben. Kaum mehr als vollmundige Ankündigungen.

Am Tag nach der letzten Show verabschiedete sich das Ensemble im Büsinghof mit einer umjubelten Open Air Version der Rockoper von ihren Fans. Oberbürgermeister Grandke bedankte sich bei allen Akteuren für eine herausragende künstlerische Leistung. Der Abschied tue weh, auch weil viele persönliche Verbindungen in die Stadt hinein entstanden seien. (Matthias Müller)

In Münster und Groß-Umstadt bei Offenbach wurde zuletzt ein neues Musical-Projekt gestartet.

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