„Vor zehn Jahren unvorstellbar“

Die Offenbacher Polizei ist zufrieden mit der Kriminalstatistik - wären da nicht die Autoknacker und Fahrraddiebe. Offenbachs Polizeipräsident Roland Ullmann (Zweiter von links) hat zahlreiche positive Rekordzahlen präsentiert. Links der Leitende Polizeidirektor Alexander König, rechts Kriminaldirektor Klaus Blaesing und ganz rechts der „Herr der Zahlen“, der Leiter des Analyszentrums, Ralf Schmitz. - Foto: Enders

Offenbach - Wenn draußen die Vögel wieder zwitschern, hat alljährlich auch die Polizei Gewichtiges zu verkünden: Die Kriminalitätsstatistik für das abgelaufene Jahr, quasi der Arbeitsnachweis der Beamten, will unters Volk gebracht werden. Von Ralf Enders

Und was der Präsident des Präsidiums Südosthessen, Roland Ullmann, gestern berichtete, hatte in der Tat etwas vom fröhlichen Gesang eines Vogels. 47 567 Delikte - noch nie wurden in einem Jahr in Stadt und Kreis Offenbach, Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis so wenige Straftaten begangen - offiziell erfasste freilich. Dabei lag die Aufklärungsquote mit 58,2 Prozent nur unwesentlich unter der Rekordzahl von 58,3 Prozent aus dem Jahr 2013. Heißt: Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Straftat in der Region geschnappt zu werden, ist deutlich größer als die, ungestraft davonzukommen.

„Stolz“ ist Ullmann denn auch auf die Statistik und den neuerlichen Rückgang der erfassten Straftaten um 5,1 Prozent. „Vor zehn Jahren wäre das unvorstellbar gewesen“, sagte er. In der Tat: 2004 mussten sich die Polizisten zwischen Egelsbach und Züntersbach noch mit 64 221 und damit fast 17 000 Straftaten mehr herumschlagen. Die Aufklärungsquote stieg in dieser Zeit um mehr als zwölf Prozentpunkte von 45,4 Prozent auf eben 58,2. Etwa 870 000 Menschen leben im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums. Die 5 155 Fälle pro 100 000 Einwohner liegen unter dem hessischen Durchschnitt von 6 566.

Und noch ein paar Zahlen, dann ist’s geschafft: Mit 12 709 wurden in Offenbach 634 Delikte (4,8 Prozent) weniger erfasst als 2013. 62,5 Prozent - Rekordquote - klärten die Ermittler in der Stadt auf. Im Kreis Offenbach gab es 4,1 Prozent weniger Straftaten. 16 219 waren es noch, von denen 54,9 Prozent aufgeklärt wurden. Besonders auffällig ist der Rückgang der Fallzahlen in Hanau: Minus 12,5 Prozent bedeuten noch 7 433. Gelöst haben die Beamten 61,9 Prozent, etwas weniger als die 64,5 Prozent aus dem Vorjahr. Im Main-Kinzig-Kreis schließlich registrierte die Polizei 11 206 Delikte, 55 Prozent gelten als geklärt.

Massenkriminalität nennt die Polizei das, was fast drei Viertel aller Straftaten ausmacht: einfache bis mittelschwere Verbrechen wie Sachbeschädigung, Diebstahl und Betrug. Schwere Kriminalität, die die Bürger naturgemäß besonders beunruhigt - Tötungen, Raubüberfälle, Sexualdelikte - machen etwa 11 Prozent (1 547 Fälle) aus. Von den 32 Tötungsdelikten im Jahr 2014 wurden 31 aufgeklärt, nur eine versuchte Tötung in Offenbach bearbeiten die Polizisten noch.

Als offiziell aufgeklärt gilt für die Polizei im Übrigen die Tötung der Studentin Tugce, die im November vor dem McDonald’s-Restaurant am Kaiserlei ins Koma geprügelt wurde und später starb. Ein dringend Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft. Das bundesweite Medieninteresse war so groß wie noch nie an einem Fall der Offenbacher Polizei.

Überhaupt keine kriminelle Rolle mehr spielt der klassische Banküberfall. Gerade mal einer wagte sich dies im vergangenen Jahr noch - und wurde denn auch geschnappt. „Die Gauner machen eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf“, erläuterte Kriminaldirektor Klaus Blaesing, „ein Banküberfall bringt höchstens 10 000 Euro, aber das Risiko, gefilmt und erkannt zu werden, ist extrem hoch.“ Da werden wohl auch die Autoren von TV-Krimis neu nachdenken müssen.

Ob sie die weniger spektakulären Wachstumsbranchen Navi-Klau und Fahrraddiebstahl in ihre Geschichten einbauen, ist zweifelhaft. 1 726, fast 10 Prozent mehr, geknackte Autos musste die Polizei registrieren. Auffällig: In Offenbach waren es 420 Fälle - 22,1 Prozent weniger. In Hanau dagegen stieg die Zahl aufgebrochener Autos um satte 37 Prozent auf nunmehr 237. Im Kreis Offenbach gingen die Diebe von Navis & Co. 761-mal (+ 24,1 Prozent) zu Werke. Wie bei so vielen Verbrechensarten dürfte es sich um Banden und Tätergruppen handeln, die ihre Arbeitsorte verlagern.

Von zuhause aus arbeiten dagegen in der Regel Internetkriminelle. 2 372 Delikte, 7,9 Prozent weniger, registrierte das Spezial-Kommissariat in Dreieich. Hier mochten die Kriminalisten aber nicht fröhlich zwitschern: „Im Internet ist das Dunkelfeld groß“, sagte Blaesing.

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