Vorbeugendes Schrauben

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Auch so etwas ist nicht zulässig: Polizeioberkommissar Thomas Ruga mit einem sichergestellten italienischen Kennzeichen aus Eigenproduktion.

Offenbach - Es dürfte keine Schilder-Schraube aus keinem noch so fernem Land existieren, die ihm widerstehen könnte. In Thomas Rugas Werkzeugköfferchen findet sich für jedes denkbare Modell der passende Dreher oder Zieher. Imbusschlüssel sind selbstverständlich.  Von Thomas Kirstein

Seit kurzem kommen auch die Bulgaren mit ihrem komplizierten Befestigungssystem nicht mehr ungeschoren davon.

Der 51-jährige Polizeioberkommissar, der seit nunmehr 25 Jahren Schichten im 1. Offenbacher Revier schiebt, hat eine dienstliche Passion, die im ersten Moment merkwürdig erscheinen mag, sich bei genauerer Betrachtung aber als segensreiche Vorbeugung herausstellt: Thomas Ruga macht Jagd auf ausländische Kennzeichen.

Dafür genießt er die volle Unterstützung von Revierchef Georg Grebner und Dienstgruppenleiter Joachim Baucke: Die sind froh, in ihren Reihen einen wahren Spezialisten für eine in der Öffentlichkeit gar nicht so präsente, nichtsdestoweniger prekäre Problematik zu haben.

300 bis 400 Autos, so schätzt Ruga, fahren illegal dauerhaft mit ausländischen Kennzeichen durch die Stadt - und ohne sein Wirken wären es wohl weitaus mehr.

Es geht dabei meist nicht um Touristen oder Besucher der Stadt, sondern um Menschen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben, aus verschiedenen Gründen ihre Fahrzeuge aber nicht ummeldeten. „Bei neun von zehn ausländischen Kennzeichen sind die Halter als in Offenbach wohnhaft gemeldet“, weiß Ruga aus Erfahrung.

Manche, die er erwischt hat, wussten einfach nicht, dass sie ihr Auto unmittelbar nach dem Zuzug ummelden müssen. Andere hingegen lassen ganz bewusst die Heimatschilder dran: Das erspart die deutsche Kraftfahrzeugsteuer, eine kritische Nachschau des TÜV oder die teure inländische Versicherung.

Besonders letzteres begründet, warum Ruga so eifrig schrauben darf: Verdacht des Fahrens ohne Versicherungsschutz. Bei in Südeuropa zugelassenen Fahrzeugen erhärtet sich der Verdacht leicht, wenn die Versicherungsplakette innen an der Windschutzscheibe fehlt. Anderen Autos sieht’s der Schilder-Profi einfach an - und wird bei der Nachfrage über die Grenzschutzkontaktstellen meist bestätigt. Wer einmal einen Unfall mit einem ausländischen Fahrzeug hatte, wird Rugas Jagd zu schätzen wissen: Nur allzu oft bleiben schuldlose Beteiligte oder gar Verletzte auf ihren Kosten sitzen, die Regel sind immense Scherereien mit osteuropäischen Versicherungen.

Thomas Ruga macht keine Unterschiede: „Es ist mir egal, ob’s einen saudiarabischen Prinzen oder einen polnischen Wanderarbeiter trifft.“ Der Araber wollte mit einem unversicherten Jeep Cherokee von Hamburg in die Schweiz, als er drei Stunden seines Lebens in einem Offenbacher Polizeirevier verbringen musste.

Einen türkischen Kleinlaster hielt Ruga nahe dem Polizeipräsidium an, weil ein Nationalitätenkennzeichen fehlte: Es stellte sich heraus, dass die Gültigkeitsdauer der grünen Versicherungskarte mit Tippex und Kugelschreiber eigenmächtig verlängert worden war. Dann war da noch der Italiener, der ein Auto aus Deutschland in seine Heimat ausführen wollte, aber nur ein Überführungskennzeichen zur Hand hatte und sich kurzerhand das zweite selbst schrieb.

Seit zehn Jahren hat Thomas Ruga während seiner Streifenfahrten das wache Auge auf ausländische Kennzeichen. „Vielleicht hab’ ich damit angefangen, weil meine Frau Rumänin ist“, scherzt der in Heidelberg geborene Vater dreier Kinder, der seit 1965 in Offenbach lebt.

Ein bisschen Stolz auf seine Spezialisierung kann der kompakte Ordnungshüter nicht verhehlen. Aber er sagt auch: „Es ist schon ein ekliges Geschäft.“ Und meint damit die oft auch von Tränen begleiteten Folgen seiner Schraubaktionen.

An diesem Sommertag ist eine seit frühester Jugend in Offenbach lebende Bosnierin um die Dreißig die Verzweiflung in Person. Sie kommt aufs Revier, weil Ruga am Abend zuvor die italienischen Kennzeichen vom Mercedes ihres Gatten entfernt hat. Der Benz war sehr wahrscheinlich nicht versichert.

Ihr Mann sei doch als Fernfahrer unterwegs, das Auto stehe nur vorübergehend seit vier Wochen vor der Wohnung, er werde gar nicht gefahren, weil das Getriebe kaputt sei. Vom Kindersitz auf der Rückbank wird das nicht gerade bestätigt.

Meinen Sie nicht auch, dass das eine sehr schlimme Sache ist, wenn man ohne Versicherungsschutz fährt?“, fragt Thomas Ruga in fast schon väterlich-mildem Ton. Dass die junge Frau ihm sofort vorbehaltlos zustimmt, kann die Anzeige gegen ihren Mann allerdings nicht mehr verhindern. Da ist Thomas Ruga unbeirrbar.

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