„Tage der Industriekultur“ in Offenbach

Vorbild für den Wandel

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Der Schlachthof heute: Geblieben sind die denkmalgeschützten Architekturelemente, ein Ensemble aus Wasserturm, Maschinenhaus, Kühlhallen und Verwaltungsbauten. Das Erscheinungsbild wird beherrscht von der überwölbten Ladenstraße.

Offenbach - Vor knapp 20 Jahren begann der Bau des neuen Schlachthof-Quartiers. Das alte Gelände an der Buchhügelallee gilt als gelungenes Beispiel des Strukturwandels in Offenbach, der für die Stadt so tiefgreifende Folgen hat.

Mit Führungen, Vorträgen und Filmen widmen sich die heute beginnenden „Tage der Industriekultur“ auch dem Wandel der Arbeitswelten. Im November 1993 verkaufte die Stadt das Schlachthof-Areal an den Frankfurter Bauträger Ernst Otto Walker, um dort im Einklang mit der historischen Bausubstanz ein modernes Quartier zu errichten. 4,8 Hektar groß ist das Gelände, das sich zwischen Buchhügelallee und Spessartring, zwischen Dornbuschstraße und Erlenbachstraße, erstreckt. 1904 wurde dort einer der modernsten Schlachthöfe des Deutschen Reiches eröffnet (siehe nebenstehender Text von Lothar Braun).

Im Jahr 1904 nahm der modernste Schlachthof der damaligen Zeit den Betrieb auf. Die undatierte Aufnahme zeigt die Bauarbeiten.

Kommunalpolitiker und Metzger hatten die mehrjährigen Planungen und Bauarbeiten unter der Leitung des Dessauer Architekten Alfred Röpert gemeinsam überwacht. 14 Gebäude gehörten zu der Anlage, darunter ein eigenes Dampfkesselhaus für die Energieversorgung. Die Eisfabrik konnte täglich 17 Tonnen Blockeis herstellen. Ein eigener Wasserturm sicherte die Wasserversorgung. Der neue Offenbacher Schlachthof hatte einen enormen Umsatz zu bewältigen: Schon 1903 waren in Offenbach die Zahl der jährlichen Schlachtungen auf mehr als 33 000 gestiegen. Die neue Anlage bot dabei höchste hygienische Standards. Die Lokalhistorikerin Christina Uslular-Thiele weiß, dass 1906 im Schlachthofkomplex auch eine Anlage zur Herstellung von Säuglingsmilch eingerichtet wurde, die Rohmilch zu trinkfertigem Brei verarbeitete und die Auslieferung organisierte. Der entscheidende Fortschritt bestand in einer geschlossenen Kühlkette. So konnte die Säuglingssterblichkeit vor allem während der Sommermonate entscheidend verringert werden.

Betrieb Ende 1990 eingestellt

Ende der 80er Jahre zeichnete sich das Ende ab: Neue EU-Hygienevorschriften hätten enorme Investitionen erfordert. Zudem kamen private Großschlachtereien auf und machten örtlichen Metzgern Konkurrenz. Ende 1990 stellte der Schlachthof seinen Betrieb ein. Schon ein Jahr zuvor hatte die Stadt begonnen, neue Konzepte für die künftige Nutzung zu suchen. Weite Teile der historischen Bausubstanz sollten erhalten bleiben in einem Mix aus Wohnen und Gewerbe, kultureller und sozialer Nutzung. Laut Marion Rüber-Steins vom Stadtplanungsamt gab es damals bundesweit nur wenige Architekturbüros, die sich mit der denkmalgerechten Konversion von Industrieanlagen befassten. So fiel die Wahl auf das Pariser Büro „Reichen et Robert“. Was nur wenig später zum Markenzeichen für die Umnutzung der ehemaligen Fabriken Heyne im Nordend und Hassia im Senefelder-Viertel wurde, nahm auf dem Schlachthofgelände seinen Anfang: Eine denkmalgerechte Sanierung und Modernisierung nach heutigen Anforderungen an Wohnen und Gewerbe.

Eine historische Luftaufnahme zeigt das Schlachthofgelände in Offenbach. Wo einst Schweine und Rinder geschlachtet wurden, ist heute ein moderner Mix aus Wohnen, Gewerbe und Gastronomie entstanden, der von der Bevölkerung gut angenommen wird.

Bis heute steht die einstige Industriestadt Offenbach vor der großen Herausforderung, verlassene Fabrikgelände neu zu beleben, um attraktive Ansiedlungsflächen und lebenswerte Wohnquartiere vor allem für junge Familien zu schaffen. An verschiedenen Stellen im Stadtgebiet zeigt sich aktuell die Dynamik des Strukturwandels: Am deutlichsten am Hafen, aber auch in den Plänen für das ehemalige MAN Roland-Gelände. Hochwertiger Wohnraum, eine familienfreundliche Infrastruktur mit nahe gelegenen Kitas und Schulen, gute Verkehrsanbindung und Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf, eine Umgebung, in der man zur Ruhe kommen und sich zu Hause fühlen kann – all dies erfüllt das Wohnquartier am alten Schlachthof. Die historische Bausubstanz sorgt zudem für ein besonderes Flair.

Nahezu komplett autofrei

Das Quartier, das heute rund 300 Eigentumswohnungen umfasst und 600 Menschen ein Zuhause bietet, ist nahezu komplett autofrei. Im Eingangsbereich ist das Pförtnerhäuschen mit markantem Stierkopf erhalten geblieben. Die Säulen am Eingang der Verbindungshalle, die einst Schlachthallen und Kühlhaus verband, und die von einem flach gewölbten Glasdach überspannt wird, zieren Widderköpfe. Rund 300 Menschen finden in der Halle, die gelegentlich für Modenschauen oder Musikevents genutzt wird, Platz. Einige junge Modelabels und ein Tonstudio haben sich hier eingemietet. Gelbe Klinker und roter Mainsandstein kennzeichnen die historische Bausubstanz. Das ehemalige Kesselhaus beherbergt heute die beliebte Cocktailbar Lounge. Gleich nebenan, im früheren Kühlhaus mit seinen fast sakralen Spitzbogenfenstern, kann man heute im „Paul"s“ dinieren. Das Restaurant gehört zum Vier-Sterne-Hotel Achat Plaza, das weite Teile des früheren Komplexes nutzt.

Während sich die Planer den Ernst-Griesheimer Platz als einen lebendigen Treffpunkt inmitten des neuen Quartiers vorstellten, sollte der südlich gelegene Siegmund-Merzbach-Platz eher als Ruhe-Oase für die Bewohner dienen. Nur rund 2 000 Meter trennen ihn von der Fußgängerzone. Doch von großstädtischer Hektik ist hier nichts zu spüren. Neben einigen jungen Kreativen haben sich Ärzte und Freiberufler dort niedergelassen. Im Süden schirmt der Gebäudekomplex des DRK-Kreisverbandes das Wohnquartier gegen den Straßenlärm vom Spessartring ab. Nur Flugzeuge stören die Ruhe der Bewohner. Inzwischen sind alle Grundstücke im Quartier verkauft. Wenn auch das letzte freie Gelände bebaut ist, werden dort mehr als 800 Menschen in 400 Wohnungen wohnen. Eine Erfolgsgeschichte. 

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