Vorsorge ist keine Kostenfrage

Dr. Bernhard Winter und Dr. Joachim Hilbig (rechts) gestern Abend bei der Expertentelefon-Aktion im Verlagshaus unserer Zeitung. Ebenfalls direkt zu erreichen: Chefarzt Prof. Andreas Zielke. Foto: mcr

Offenbach - (mcr) Was das Interesse des Publikums betrifft, werden die Initiatoren des 1. Offenbacher Darmkrebstages am Samstag wohl keine Abstriche bei ihren Hoffnungen machen müssen. Nimmt man die gestrige Expertentelefon-Aktion unserer Zeitung zum Thema Darmkrebs als Probelauf für die sehr viel breiter angelegte Aufklärungoffensive, werden zwischen 10 und 16 Uhr viele Menschen ins Rathaus strömen.

Im Verlagshaus sprachen der Chefarzt Prof. Andreas Zielke (Städtische Kliniken, Chirurgie I), der Internist und Gastroenterologe Dr. Bernhard Winter (Internistische Gemeinschaftspraxis Waldstraße) und der Oberarzt und Gastroenterologe Dr. Joachim Hilbig (Ketteler-Krankenhaus) bis in den Abend hinein mit einigen dutzend Lesern. Manche konnten die Ärzte guten Gewissens beruhigen, vielen legten sie ans Herz, mittels Vorsorgeuntersuchung in der Praxis auf Nummer sicher zu gehen.

Es galt, Wissens- oder auch Verständnislücken zu schließen - und mit einem fatalen, offensichtlich aber verbreiteten Irrtum aufzuräumen: Die Darmspiegelung (Koloskopie) ist als aktuell sicherste Methode, die idealerweise noch gutartigen Vorstufen des Darmkrebses zu erkennen und auch gleich zu beseitigen, keine Luxusleistung für Privatpatienten. Sie ist garantiertes Recht auch für die breite Masse der gesetzlich Versicherten ab 55 Jahren. Die Analyse von Stuhlproben wird schon 50-Jährigen bezahlt; und falls es Verdachtsmomente gibt, spielt das Alter schlicht keine Rolle. Es dürfe einfach nicht passieren, sagte Zielke nach einem Gespräch, dass ein Mensch auf die Vorsorge verzichtet, weil er eine kleine Rente habe und „unsinnigerweise irgendwo gehört“ habe, dass die Untersuchung aus eigener Tasche zu zahlen sei.

Überraschungen gab es allerdings auf beiden Seiten der Leitung. Mancher Anrufer war beeindruckt, seine Frage tatsächlich ohne Umwege bei einer medizinischen Kapazität loswerden zu können. Und Professor Zielke wunderte - und freute - sich über die selbstverständliche Offenheit, mit der viele Anrufer ihre Probleme, Befürchtungen, Unsicherheiten schilderten. Bei ähnlichen Aktionen hatte er unnötige Scham erlebt, obwohl die ärztliche Schweigepflicht natürlich jederzeit gilt.

Dieser Bewusstseinswandel taugt als Mutmacher für Samstag, wenn Mediziner, Stadtgesundheitsamt und andere Institutionen versuchen werden, die Besucher des Darmkrebstages von der Gefährlichkeit ihrer Hemmschwellen zu überzeugen. Von ihrem Hauptargument - Darmkrebs ist heilbar, wenn er in einem frühen Stadium entdeckt wird, aber meist tödlich, wenn schon Symptome erkennbar sind - mussten die Mediziner die Leser gestern nicht erst überzeugen. Die meisten Anrufe kamen von Menschen, für die der Darmkrebs, dessen Vorstufen oder die heutzutage vielleicht noch unangenehme, aber seltenst schmerzhafte Darmspiegelung keine Unbekannten mehr sind.

Wenige fragten nach Alarmsignalen, aber viele nach der Verträglichkeit von blutverdünnenden Medikamenten und einer Koloskopie. Und nach dem richtigen Zeitpunkt für die nächste Spiegelung. Drei Jahre, eher fünf oder zehn? Dr. Bernhard Winter: „Wir haben da heute eine sehr differenzierte Betrachtung.“ Der letzte Befund sei wichtig, aber eben auch die Frage, ob in der Familie Darmkrebs schon vorgekommen ist und eine erbliche Vorbelastung vorliegt. Und es gebe auch neue Studien, deren Ergebnisse berücksichtigt werden wollen.

Leider keine Überraschung: Es bewahrheitete sich, dass Männer, wie Bürgermeisterin Birgit Simon als Schirmherrin des Darmkrebstages bereits bemängelt hat, „Vorsorgemuffel“ sind. Die meisten Anrufer waren Anruferinnen. „Aber eine davon“, bilanzierte Zielke, „fragte für ihren Mann“. Und so könnte das auch am Samstag funktionieren. Schirmherrin Simon hat Ehefrauen bereits dazu aufgerufen, ihre Gatten an die Hand zu nehmen und ins Rathaus zu bringen.

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