Vorsorge nur vor dem Ofen

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Nicht angenehm, aber auch kein Grund, Darmkrebs zu riskieren: Schematische Darstellung einer Koloskopie des Dickdarms.

Offenbach - Alles ist vorbereitet. Der größte Saal ist reserviert, das Programm gedruckt, der Vorrat an Broschüren aufgefüllt, das Missionsziel abgesteckt. Nur für den Ofen, von dem bei der gestrigen Vorstellung des Programms zum 1. Offenbacher Darmkrebstag so oft die Rede war, muss nicht erst gesorgt werden. Von Marcus Reinsch

Am Samstag, wenn Fachleute im Rathaus Vorträge in verständlicher Sprache halten, Selbsthilfegruppen und Dienstleister informieren und alle gemeinsam für mehr Mut zur Darmkrebsvorsorge werben, werden die Besucher in ihren Köpfen einen Ofen mitbringen. Und viele werden sich wieder hinter ihm vor den Argumenten der Experten verstecken - und vor allem vor dem Gruselwort Darmspiegelung. Das sei immer so, wenn es darum geht, einer potentiell unangenehmen Wahrheit ins Auge zu blicken, sagen die Mediziner. Und genau das sei das Problem.

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Programm zur Prävention

Vor allem mit den Männern. „Männer sind Vorsorgemuffel“, sagt Bürgermeisterin Birgit Simon, die, wie sie formuliert, „gerne die Schirmfrauschaft für den Darmkrebstag übernommen“ habe, weil auch sie und das städtische Gesundheitsamt „die Leute hinter dem Ofen hervorlocken“ wollen.

Einfach wird das nicht. Zwar gab es im vorvergangenen Jahr deutschlandweit etwa 560 000 Vorsorge-Koloskopien also Dickdarmspiegelungen. Doch bei 17 Millionen Menschen im gefährdeten Alter ist das ein viel zu kleiner Anteil.

Ab 50 Jahren steigt das Erkrankungsrisiko deutlich, bei Darmkrebsfällen in der Verwandtschaft verdoppelt es sich sogar. In Hessen, rechnet Professor Andreas Zielke - Chefarzt der Chirurgischen Klinik I der Städtischen Kliniken - vor, seien innerhalb zweier Jahre 70 000 Menschen untersucht worden. „Bei 23 000 wurden Polypen festgestellt, und bei etwa jedem zehnten davon eine zwingende Krebsvorlaufstufe oder eine frühe Krebsform.“

Fast alle Betroffenen leben noch. Darmkrebs, das wird am Samstag Kernbotschaft und Vorsorgelockruf gleichermaßen sein, ist heilbar, falls er in einem frühen Stadium entdeckt wird. „Und selbst in einem fortgeschrittenen Stadium können wir die Krankheit über lange Zeit in einen chronischen Zustand lenken“, sagt Privatdozent Dr. Stephan Sahm (Ketteler-Krankenhaus).

Besser sei natürlich, die Krankheit gleich zu vermeiden. Das funktioniere ohne Vorsorgeuntersuchung nicht, ob nun per vorgeschalteter Untersuchung einer Stuhlprobe oder gleich per Darmspiegelung.

Wenn sich nur ein Viertel der Bevölkerung untersuchen ließe, glaubt der Internist und Gastroenterologe Dr. Bernhard Winter (Internistische Gemeinschaftspraxis), gebe es in zehn Jahren wohl 20, vielleicht 25 Prozent weniger Darmkrebsfälle in gefährlichen Stadien.

Die Sorge um die Etablierung der Vorsorge ist allen am Darmkrebstag Beteiligten gemein. Deshalb wird am Samstag auch ihre Vernetzung untereinander, die Patienten wie Medizinern Wege sparen und die Erfolge steigern soll, eine zentrale Rolle spielen.

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