Vorsorglich mal mit Ohropax

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Keine Originale, aber fast wie original: „The 2nd Generation“ heizte mit Klassikern die Stimmung in der Stadthalle an.

Offenbach - In der Umbaupause ist Jimi Hendrix auf der Leinwand zu sehen, „Hey Joe“ spielt er, reißt beim Solo die Saiten auch mal mit der Zunge an. Von Stefan Mangold

Gefilmt wurde das in Offenbach, Ende der 60er Jahre, der Ausschnitt, der da am Samstag auf der Bühne läuft, stammt aus den Archiven des Hessischen Rundfunks.

Günter Doll war damals unter den Zuschauern. Als 17-Jähriger erlebt Doll den großartigen Hendrix bei „beat, beat, beat“ in der Stadthalle. Die war gerade fertiggestellt und galt als neuester architektonischer Schrei. Doll hatte Glück gehabt. Er kam an Freikarten, „weil ich wen kannte“.

Heute kann es für andere von Vorteil sein, Doll zu kennen. Der Leiter der Kultur und Sportverwaltung der Stadt zeichnet zum sechsten Mal verantwortlich für die Wiederbelebung von „beat, beat, beat“. Die sollte 2006 in Zusammenarbeit mit dem Hessen-Sender eigentlich ein einmaliges Ereignis zum 40. Jubiläum bleiben. Doch die Nachfrage war so groß, dass es sich lohnte, die Geschichte zu wiederholen.

Als diesmal Gruppen wie „The Searchers“, „The Rubettes featuring Bill Hurt“ spielen, die ihre erfolgreichsten Zeiten in den 60ern und 70ern hatten, scheinen viele der 1600 Zuschauer in der ausverkauften Halle in einem Alter zu sein, das vermuten lässt, sie hätten die großen Zeiten der Bands bewusst miterlebt.

Die vier jungen Männer der Band „The 2nd Generation“ waren damals indes noch nicht geboren. Sie gestalten mit Klassikern von den Kinks, den Rolling Stones und den Beatles die Ouvertüre des Abends. „Im Tanzkurs bei Bäulke in Gießen“ lernten sie sich kennen, traten dort auch zum ersten Mal auf.

Gitarrist Daniel Erhardt (31) spricht von den Beatles-Platten seiner Eltern, die ihm früh in die Hände fielen. Wie er als Jugendlicher heimlich nachts eine Wiederholung von „beat, beat, beat“ im HR gesehen hat. „Mich faszinierte diese handgemachte Musik ungemein“, sagt er.

Damals konnte sich Daniel Ehrhardt, dessen Frisur an die der Liverpooler Pilzköpfe erinnert, nicht vorstellen, bei der Veranstaltung selbst mal auf der Bühne zu stehen und einen Beatles-Titel wie „Ticket to Ride“ zu intonieren.

Zum zweiten Mal hat Günter Doll - „wegen der tollen Resonanz im letzten Jahr“ - das instrumental und musikalisch ausgereifte und fein abgestimmte Quartett für Offenbach engagiert.

Als wohl prominenteste Band, die an dem Abend vorspielt, gilt die Gruppe „Slade“. Ihre Ursprünge hat die Band im Jahre 1964. Von damals sitzen und stehen heute noch Schlagzeuger Don Powell und Gitarrist Dave Hill auf der Bühne. In den siebziger Jahren „terrorisierte Slade die Charts“, umschreibt der bekannte HR1-Moderator Werner Reinke, der durchs Programm führt, den damals großen Erfolg der Glam-Rock-Truppe.

Schon vor deren Auftritt drängen sich Christoph und die anderen Mitglieder vom „Slade Fanclub Fammersbach“ an die Bühne. Der Club gründete sich vor zwei Jahren. Keiner der 13 Mitglieder im Alter von 18 bis 39 Jahren kann deren große Zeit erlebt haben. Initialzündung sei der Song „My oh My“ gewesen, den sie auf einer Party im Radio gehört hätten. „Das ist praktisch unser Lied“, erklärt Christoph, warum der Name des Titels auf ihren T-Shirts steht, dessen Melodie auch den Text der Vereinshymne von Bayern München trägt.

Nichts von seiner Energie scheint Dave Hill (65) verloren zu haben. Der in seinem Sergeant-Pepper-Kostüm clownesk wirkende Gitarrist dürfte sämtliche Nummern schon tausende von Malen gespielt haben. Abgenudelt hört es sich dennoch nicht an, was Hill und Kollegen ihren Zuhörern bieten.

„Die Hardcore-Fans stehen vor den Boxen“, gibt Günter Doll hinter der Bühne Wasserstandsmeldung vom Geschehen in der Halle. Nur Hartgesottene halten das aus. Dave Hill schützt sich jedenfalls vor der eigenen Lautstärke. Kurz vor dem Auftritt greift er zum Ohropax.

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