Wissenschaftlerin über Gefahren von Hasskommentaren und Propaganda im Netz

Mittel und Wege gegen „Fake News“

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Täuschung, Wahrheit oder einfach fehlerhafte Meldungen: Auf Facebook, Youtube und Twitter werden täglich unzählige Inhalte ausgetauscht. 

Offenbach - Hass, Pöbeleien, Mobbing und radikale Äußerungen gehören in den vermeintlich sozialen Netzwerken immer mehr zum Alltag. Von Nikolas Sohn

Während die Zahl der Internetnutzer seit Jahren dank einfachstem Zugang über Smartphones oder Tablets kontinuierlich wächst, kommen auch kruden Ansichten immer mehr zum Vorschein, die zu vordigitalen Zeiten eher hinter vorgehaltener Hand oder am Stammtisch geäußert wurden. Medienpädagogin Alia Pagin, die sich seit knapp vier Jahren mit Propaganda und Extremismus im Netz befasst, zeichnet bei ihrem Vortrag im Offenbacher IHK-Gebäude anlässlich des „Safer Internet Day“ ein alarmierendes Bild. „Es sind schon lange nicht mehr die CDs rechtsradikaler Bands, die auf dem Schulhof verteilt werden. Das geht über die digitalen Medien viel einfacher.“

Diese Inhalte sind nicht neu, es sind vielmehr Verbreitungsweg und Intensität. Denn auch Rechtsextreme lernten dazu. „Die sind ja nicht doof“, sagt Pagin. Die Art ihres Vorgehens gliche in gewisser Weise modernem Marketing. Der gängige Tenor dabei: einfachste Lösungen für komplexe Probleme.

Medienpädagogin Alia Pagin forscht zu Extremismus im Netz.

Laut einer Forsa-Umfrage von Juni 2016 registrieren besonders Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren Hassbotschaften, Ältere hingegen waren außen vor. Knapp die Hälfte der über 60-Jährigen hatte demnach noch nie einen Hasskommentar gesehen. Ob es sich dabei noch um freie Meinungsäußerung handelt, sei selbst für das geschulte Auge manchmal nicht gleich zu durchschauen, meint die Medienpädagogin. Beispiel Identitäre Bewegung: Die sogenannte Neue Rechte, die sich einen modernen, ja fast intellektuellen Anstrich gibt, verstecke ihr eigentliches Ansinnen hinter Worthülsen wie „Ethnopluralismus“. „Das hört sich erstmal positiv an“, sagt Pagin. Im Grunde ziele die Idee aber nicht auf Vielfalt, sondern auf die Trennung von Ethnien. Selbst mancher Akademiker würde dann sagen: „Das ist doch eine interessante Position. Lass uns doch darüber diskutieren.“

Auf der anderen Seite ist es die Technik, die über Algorithmen fast passgenaue Informationen in die Facebook-Timeline spült, je nachdem, welche Themen der Nutzer anklickt. Inklusive der Äußerungen des virtuellen Freundeskreises, der ja oftmals ähnlich ticke in Sachen Politik und persönlicher Werte, werde der Facebook-Nutzer kaum mit Widersprüchlichem konfrontiert, erklärt Pagin. „Auf einmal besteht für manchen die ganze Welt aus Veganern, Tierschützern oder selbsternannten Verteidigern des Abendlandes.“

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Pagin berichtet von einem Bild, das ein unscheinbarer Twitterer mit nur knapp 40 Anhängern ins Netz gestellt hatte. Der Amerikaner behauptete einfach, darauf seien die Busse zu sehen, mit denen bezahlte Trump-Gegner zu einer Demo gefahren worden seien. Tatsächlich aber waren es Wissenschaftler, die eine Tagung besuchten. Resultat: Das Interesse am Twitter-Account erreichte mit mehr als 300.000 Followern innerhalb kürzester Zeit unerhörte Ausmaße. Selbst Donald Trump habe darauf zurückgegriffen.

Vom aktuellen Ausmaß an Unwahrheiten und Hasskommentaren im Netz ist die Medienpädagogin nicht sonderlich überrascht. „Gefühlsbetontes spricht viele sofort an.“ Es brauche eine gewisse Schulung, um „Fake News“ zu erkennen und zu hinterfragen. „Und nicht jeder hat das Privileg, eine solche Bildung zu genießen“, betont die Medienpädagogin. Um sich gegen „Fake News“ zu wappnen, schlägt die Kommunikationswissenschaftlerin vor, den kritischen Blick zu wahren, also mehrere Quellen zu untersuchen und Medieninhalte nicht einfach unreflektiert weiterzugeben – weder übers Netz noch verbal im Alltag. „Das gilt aber für alle Medieninhalte“, fügt die Pädagogin noch an.

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