Patientenverfügungen missachtet?

Vorwürfe an Sana-Klinikum: Am Sterben gehindert

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Wann muss dem Willen des Patienten Rechnung getragen werden? Im Umgang mit Verfügungen, in denen lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt werden, tun sich Kliniken schwer.

Offenbach - Das Thema gehört zu den heikelsten im Klinikalltag: die Beachtung von Patientenverfügungen, wenn es darum geht, ob lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet werden sollen. Von Matthias Dahmer

Das Sana-Klinikum sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, mehrfach Patientenwillen missachtet zu haben. Ein betroffener Angehöriger hat Strafanzeige gegen das Krankenhaus gestellt. Die Kritik von Niels T. hat es in sich: „Die Ereignisse lassen keinen anderen Schluss zu, als dass im Sana-Klinikum erhebliche prozessuale Defizite im Umgang mit Patientenverfügungen bestehen“, heißt es in einer Mail von T. an die Redaktion.

Der Fall: Sein 87-jähriger an Demenz erkrankter Vater wurde wegen einer Oberschenkelhalsfraktur stationär behandelt. Aus der T. in Kopie vorliegenden Patientenakte geht hervor, dass er am 26. September nach einem Sturz aus dem Bett auf der Station einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitt und anschließend etwa eine Stunde Wiederbelebungsversuche mit Medikamentengabe durch das „Reateam“ auf der Intensivstation unternommen wurden.

„Als gerichtlich bestellter Betreuer meines Vaters habe ich im Zuge der OP-Vorbereitung dem Anästhesisten die Patientenverfügung meines Vaters übergeben, die jegliche Reanimationsmaßnahmen ausdrücklich ausschließt“, so Niels T. Per zusätzlicher Unterschrift auf Seite 6 im Dokumentationsbogen des Aufklärungsgespräches habe er zudem akute Reanimationsmaßnahmen während der OP untersagt. Obwohl dem Klinikum damit eine rechtzeitige und eindeutige Dokumentation eines präzise festgelegten Patientenwillens sowie des übereinstimmenden Willens aller nahen Angehörigen vorgelegen habe, seien diese missachtet worden. T. hat – nachdem Sana seiner Bitte um Stellungnahme nicht nachgekommen sei – mittlerweile Strafanzeige gestellt.

Ganz so weit ist Elisabeth B. nicht gegangen. Sie hat sich ans Beschwerdemanagement von Sana gewandt – „in der Hoffnung, dass andere Patienten und deren Familien nicht die schmerzlichen Erfahrungen machen müssen wie wir und anderen Sterbenden ein menschenwürdigeres Lebensende möglich wird“, wie B. schreibt. Ihre Erfahrungen ähneln denen von Niels T.: Ihr Vater, ebenfalls über 80 Jahre alt, wurde nach einem schweren Sturz ins Sana-Klinikum eingeliefert. Vor der Operation habe er schriftlich festhalten lassen, dass er nicht reanimiert werden wolle, was auch in der Patientenakte vermerkt worden sei. „Und unmittelbar vor der Operation habe ich noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass es eine Verfügung gibt, in der steht, dass mein Vater im Sterbefall keine Reanimation wünscht“, berichtet Elisabeth B. Kurz nach dem Eingriff erlitt der Vater von B. einen Herzstillstand. Er wurde reanimiert, der Beatmungstubus wurde erst drei Tage später entfernt, der alte Mann starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Niels T., der sich intensiv mit dem grundsätzlichen Problem beschäftigt hat, hegt einen Verdacht, der noch schwerer wiegt: Aus Gesprächen, unter anderem mit einem Notarzt, sei ihm bekannt, dass der Umgang mit dem gesellschaftlich stark diskutierten Thema der Patientenverfügung an Kliniken oft lax sei beziehungsweise – sogar noch schlimmer – gegen den Patientenwillen eingeleitete Wiederbelebungsmaßnahmen noch das jeweilige Klinikbudget aufbesserten.

Literatur zu dem Thema liefert Zahlen: So kritisiert der Mediziner Matthias Thöns in seinem Bestseller „Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende“ in deutschen Kliniken werde operiert, katheterisiert, bestrahlt und beatmet, was die Gebührenordnung hergebe – bei 1600 Euro Tagespauschale für stationäre Beatmung sei das ein durchaus rentables Geschäft.

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Zu den konkreten Fällen will das Sana-Klinikum mit Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht keine Stellung nehmen. Finanzielle Überlegungen seien bei dem Thema allerdings völlig abwegig, heißt es.

Der Ethikbeirat, so die Klinikleitung, beschäftigte sich seit Längerem immer wieder mit dem Verfahren zum erklärten Verzicht auf Reanimationsmaßnahmen durch eine Patientenverfügung. In seiner jüngsten Sitzung habe der Beirat hierzu Folgendes beschlossen: „Ergibt sich aus einem gründlichen persönlichen Gespräch mit dem Patienten, dessen Betreuer oder aus einer aktuellen Patientenverfügung der Wunsch nach Therapiebeschränkungen, so wird innerhalb der Patientenakte ein eindeutig sichtbarer Vermerk gesetzt.“ Ziel sei es, dass jeder behandelnde Arzt und jede Pflegekraft auch bei akuten Notfällen verlässlich auf diesen Umstand aufmerksam gemacht werde, sodass vor oder auch parallel zur Einleitung der Maßnahmen in Notfällen zeitnah beurteilt werden könne, ob für die aktuelle Situation die vorher festgelegten Bedingungen für eine Therapiebeschränkung erfüllt seien.

Darüber hinaus hat sich der Ethikrat für ein Informationsschreiben an Patienten, Angehörige und Betreuungspersonen entschieden, in dem das Vorgehen in akut lebensbedrohlichen Notfällen erläutert wird. Da in diesen Fällen das Überleben maßgeblich vom frühestem möglichen Therapiebeginn abhänge, müsse das grundsätzliche Vorgehen sowohl dem Patienten mit Behandlungswunsch als auch demjenigen ohne Behandlungswunsch gerecht werden. „Die besondere Problematik liegt in diesen Fällen darin begründet, dass keine Patientenverfügung alle im konkreten Fall individuell möglichen Begleitumstände berücksichtigen kann“, so Sana.

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Um Patienten nicht voreilig eine möglicherweise lebensrettende Therapie vorzuenthalten, würden die Ärzte des Sana Klinikums in Zweifelsfällen alle notwendigen lebensrettenden Maßnahmen einleiten, bis die Fragen zur Prognose und zum Behandlungswunsch des Patienten zweifelsfrei geklärt seien. „Sollte sich herausstellen, dass die Ärzte in einer unvorhergesehenen Notfallsituation bereits Maßnahmen eingeleitet haben, die dem Patientenwillen widersprechen, so werden sie diese Maßnahmen wieder beenden.“

Die Idee einer deutlich sichtbaren Markierung des Patienten – etwa mittels entsprechender Armbändchen– wurde bei Sana wieder verworfen. Markierungen könnten zu einer Stigmatisierung führen und suggerieren, es bedürfe bei dem markierten Patienten keiner besonderen Anstrengungen mehr, um seinen Gesundheitszustand zu bessern und sein Leben zu erhalten. Ein leicht erkennbarer Vermerk in der Akte mit Verweis auf die detaillierte Festlegung erscheint dem Ethikrat als das zuverlässigste Vorgehen

Im Übrigen wird darauf hingewiesen: Nur ein sehr geringer Teil der Patienten lehne lebenserhaltende Maßnahmen unabhängig von der Gesamtprognose ab.

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