Wo Wände die Angst aufgesaugt haben

Offenbach - Es sind zwei Häuser ohne Augen. Fensterlos, wie Speicherhäuser am Hafenkai, ragen die beiden alten Luftschutzbunker an der Ecke Ziegelstraße und Großer Biergrund auf. Man sieht ihnen nicht an, wie viel Angst ihre Wände aufgesaugt haben. Von Lothar R. Braun

Manchmal war Wut dabei. Laute Wut auf die Bombenwerfer, die den Leuten im Bunker Heim und Habe nahmen und nun auch noch ihr Leben wollten. Stille Wut auf jene, die das Elend ausgelöst hatten. Vor allem aber steckt in dem Beton der Wände die Angst.

Friedhelm Meier hat sie erfahren, und am vergangenen Dienstag erzählte er davon. In der Veranstaltungsreihe „Kindheit im 2. Weltkrieg und danach“ berichtete er an der Ziegelstraße vom Bunkerleben im Krieg. Manche seiner Zuhörer brachten dazu ihre eigenen Erinnerungen mit. Sie haben nie vergessen, wie heiser die Abwehrgeschütze bellten und dass im Schutzraum der Boden schwanken kann wie ein Boot. Wie sich dabei Hände verkrampfen. Wie in der Angst die einen versteinern und andere weinen oder leise beten.

Meier, Jahrgang 1936, beschwor Bilder, die ins Gedächtnis gebrannt sind. Von den Schutzsuchenden, die nicht alle einen Sitzplatz fanden. Viele mussten dicht gedrängt stehen, während draußen die Hölle tobte. Von der Rot-Kreuz-Schwester in ihrem Sanitätsraum gleich hinter der Gas-Schleuse am Eingang. Der Eingang führte nicht gradlinig hinein, sondern rechtwinkelig geknickt. Das sollte Druckwellen hemmen.

Vom Bunkerwart war die Rede, der für Ordnung zu sorgen hatte und die Außentüren verschloss. Auf jeder Etage des Bunkers gab es eine Toilette. Die Schutz suchenden Altstadt-Bewohner trugen in Taschen ihre wichtigsten Familienpapiere mit, mehr war nicht gestattet. Manche hatten sich mit einem Klappstühlchen versorgt, um nicht stehen zu müssen. „Bunker-stühlchen“ nannte sie der Erzähler.

Die Bunker an der Ziegelstraße gehörten zu einem seit 1940 ausgebauten System von 15 derartigen Anlagen in der Stadt. Ein Bunker westlich vom heutigen Rathaus war für die Einsatzzentrale ausgebaut. Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen steuerten von dort die Einsätze nach den Angriffen.

657mal heulten die Sirenen

28 Luftangriffe waren das zwischen 1940 und 1945. Neun am hellen Tag, neunzehn in der Nacht. Aber aufgeschreckt wurden die Offenbacher häufiger. 587mal jagte der so genannte Vollalarm sie in die Schutzräume. Zusätzlich heulten 657mal die Sirenen mit dem Frühwarnsignal „Öffentliche Luftwarnung“.

Die Bunker haben dazu beigetragen, dass in Offenbach die Zahl der Todesopfer mit 467 relativ gering blieb. Offenbach genoss den Vorzug, bei Kriegsbeginn zusammen mit Frankfurt als „Luftschutzort 1. Ordnung“ eingestuft zu werden. Für solche Orte trug der Reichsfiskus sämtliche Kosten für Schutzmaßnahmen. Allerdings gestand die Frankfurter Zentrale den Offenbachern zunächst nur drei und dann nur sechs Bunker zu, um mehr Kapazitäten nach Frankfurt lenken zu können.

Es bedurfte zäher Bemühungen, um Offenbach aus dieser Bindung an Frankfurt zu lösen. Auch noch nach dem Krieg rechneten viele Offenbacher dem Nazi-Oberbürgermeister Helmut Schranz dankbar das Verdienst an, Offenbach mit Bunkern gut versorgt zu haben.

Die beiden Bunker an der Ziegelstraße stehen heute in der Obhut der Feuerwehr. Eigentlich wollte Friedhelm Meier seinen Gäste auch das Innere der Bunker zeigen. Doch der Feuerwehrmann mit dem Schlüssel kam nicht. Das hat enttäuscht. „Seit sechzig Jahren wollte ich da mal wieder reingucken und jetzt stehen wir vor der Tür“, klagte eine Enttäuschte. Sie stand vor einem Denkmal, dem niemand ansieht, dass es ein Denkmal ist.

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