Wände erzeugen Offenheit

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Beton, das schon - aber eben kein sinnlos in die Landschaft gestellter: Das Domizil des Deutschen Wetterdienstes gilt als Lehrstück moderner Architektur.

Offenbach - Wetter ist überall. Und bei vielen Alltagsbegegnungen liefert es beliebten Stoff für kleine Dialoge oder große Diskussionsthemen. Wo es berechnet und vorhergesagt wird, wollten am Wochenende gut 60 Interessierte aus Stadt und Umgebung wissen. Von Lis Schulmeister

Zum „Tag der Architektur“ unter dem Motto „Zeichen setzen“ präsentierte sich Offenbach mit der im September eingeweihten neuen Zentrale des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Den Gebäudekomplex mit einer Gesamtnutzfläche von mehr als 47 000 Quadratmetern städtebaulich dem umgebenden Wohnquartier anzupassen, war wichtiges Anliegen der Friedberger Architekten BLFP Frielinghaus.

Zwar steht der Bau mit seinen zwei dominierenden Büroraumriegeln in Nord-Süd-Richtung fast auf der gleichen Stelle wie das abgerissene alte Gebäude. „Doch anders als in den 50er Jahren wollten wir keinen auf sich selbst bezogenen Solitär“, erläuterte Projektplanungsleiterin Cornelia Bork. „Das Bauwerk bezieht nicht nur den gegenüberliegenden Dreieichpark mit ein, es nimmt durch verschiedene Bauteile mit unterschiedlichen Fassaden auch den jeweiligen Maßstab der Umgebung in Frankfurter und Löwenstraße auf.“ Kleine begrünte Höfe zwischen den fingerförmigen Bauteilen prägen im Norden das Bild an der Löwenstraße. Damit soll eine optische Verbindung zu den benachbarten Zeilenhäusern aus den 50er Jahren hergestellt werden. Im Süden an der Frankfurter Straße begrenzt das auf schmalen Säulen ruhende Flugdach aus Sichtbeton den Innenhof. „Wer von draußen kommt empfindet unwillkürlich, dass er sich hier in einem anders definierten Areal befindet, das jedoch gleichzeitig offen ist und von der Nachbarumgebung nicht abschottet.“

Den Besucher empfängt ein großzügig inszenierter Garten mit Bänken und Wasserspiel, mit Skulpturen des Künstlers Thomas Bayrle und der aus dem einstigen phänomenologischen Garten des DWD stammenden Basaltskulptur „Mutter Erde“. Leuchtendes Rot bestimmt die langgestreckte, hervorstehende „Box“, die den Haupteingang und einen Konferenzraum mit Blick in den Garten zusammenfasst und das Portal markiert. Senkrechte Streifen in warmem Orange, Rot und Braun lockern die mit Glasfaserbeton und anthrazitfarbenem Faserzementplatte verkleideten Fassaden der Riegel an der Frankfurter Straße auf.

Licht und luftig gibt sich auch die Innenarchitektur, die zusammen mit beeindruckenden Kunstwerken als zusätzlichen Blickfang ein gefühltes prima Klima im Haus des Wetters erzeugt. Während die 180 000 Medien und rund 1000 Zeitschriften der Deutschen Meteorologischen Bibliothek sich im einstigen fast lichtlosen Bücherturm stapelten, reihen sie sich jetzt in einem hellen Raum am östlichen Ende des Foyers. Lichtdurchflutet lädt die Kantine mit einer sich zum Innenhof öffnenden Terrasse nicht nur die 900 Beschäftigen des DWD ein. „Auch Mitarbeiter von benachbarten Firmen kommen gerne mal auf einen Kaffee vorbei“, weiß Peter Schick vom Referat für Liegenschaften und den Neubau begleitender Koordinator zwischen Architekten und DWD.

Leuchtende, gleichzeitig unaufdringliche Farben beleben die langen Büroflure. Nach einem ausgeklügelten Konzept mit mehr als 100 ineinander fließenden Farbnuancen nimmt die Intensität der Wandcoloratur von Stockwerk zu Stockwerk zu, während die Farbtöne im horizontalen Verlauf von Norden nach Süden immer kühler werden. Das raffinierte Farb- und Lichtkonzept prägt auch die Zugänge zu den verschiedenen Arbeitsbreichen.

Blau changierendes Licht markiert etwa den Zugang zu dem hellen Raum mit guter Sicht zum Himmel und auf die Stadt, wo im fünften Stockwerk die von den Offenbacher liebevoll als „Wetterfrösche“ bezeichneten Metereologen rund um die Uhr nationale und internationale Wettergeschehen beobachten und Vorhersagen treffen. Was dazu an Feinarbeit und auch zeichnerischem Können nötig ist, erläuterte Diplommeteorologe Klaus Bähnke den Besuchern.

Der Neubau gilt als ökologisches Musterbeispiel. Die Abwärme aus dem Rechenzentrum heizt das Gebäude und deckt stolze 90 Prozent des Wärmebedarfs. Nur wenige Bereiche wie Konferenzräume und das Rechenzentrum sind klimatisiert. Das vermeidet jährlich 600 Tonnen CO 2 und spart rund 2,5 Millionen Kilowattstunden Energie.

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