Urteil mit Durchschlagskraft

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Der Angeklagte hat ein vollautomatisches Sturmgewehr, Modell M16, und einen italienischen Taschenrevolver „Bernadelli 68“ an zwei Polen verkauft.

Offenbach ‐ Man kann nicht behaupten, dass Frank G. (Name geändert) falsch gelegen hat mit seiner Taktik. Geständnis ablegen, den legalen Waffen abschwören und den illegalen sowieso, Termine bei Psychologe und Hypnotherapeutin absolvieren, Selbstmordgefahr hinter Gittern betonen, bei den Eltern für unentschuldbaren Kummer entschuldigen, Besserung geloben - wahrscheinlich hat G. gestern sogar das Maximum für sich rausgeholt. Von Marcus Reinsch

Aber es gibt vor Gericht eine Grenze, ab der die Klassiker mildernder Umstände das Strafmaß nicht mehr in die Kategorie Bewährung drücken können. Frank G. hat diese Grenze am 17. Dezember vergangenen Jahres nicht nur überschritten, er hat sie überrannt. Und deshalb brummte ihm Manfred Beck als Vorsitzender Richter am Offenbacher Schöffengericht gestern eine Strafe auf, die G. seiner Meinung nach sogar als „mildes Urteil“ auffassen solle: zwei Jahren und elf Monate Gefängnis, wie von der Staatsanwältin gefordert. Dass G. bei der möglichen Berufungsverhandlung einen Nachlass bekommen wird, glaubt Beck nicht.

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Mordinstrument im Piano

Würde wohl in jedem Fall schwierig. Bewiesen ist: G. hat in seiner Wohnung im Kreisgebiet ein vollautomatisches Sturmgewehr, Modell M16 (tragen US-Soldaten im Irak-Krieg), und einen italienischen Taschenrevolver „Bernadelli 68“ an zwei Polen verkauft. Dass das streng verboten ist, wusste G. genau. Und die beiden Käufer wussten es sogar von Berufs wegen - als verdeckte Ermittler der polnischen Polizei kennen sie die Liste der Mordinstrumente, die unter das Kriegswaffenkontroll- und das Waffengesetz fallen, auswendig.

G. flog auf; Festnahme, Durchsuchungen. Im elterlichen BMW-Geländewagen waren 171 Schuss der Munition versteckt, die zum Sturmgewehr gepasst hätte. In G.s Dachwohnung fanden sich Lauf und Verschluss einer ebenfalls kriegstauglichen Maschinenpistole „Skorpion“ im Klavier. Ein beinahe logisches Versteck. Frank G., Doktor der Philosophie, bezeichnet sich als Pianist und Schriftsteller, spielte sonntags die Orgel in drei Kirchen, schreibt an einem Buch über Musikästhetik.

Aus den Berichten des Bundeskriminalamts, dessen Ermittler von polnischen Kollegen auf G.s Spur und die eines vermittelnden polnischen Bekannten gesetzt worden waren, lässt sich bestenfalls die Ästhetik eines Agentenfilms lesen. Es gab Observationen, G.s Telefon wurde abgehört. Verhandlungen in einer Art Geheimsprache deuteten auf Waffenhändlerkarrieren hin.

Dass Frank G. nur der Waffennarr sein soll, als den er sich bezeichnete, glaubte Richter Beck nicht. Eher schon, dass G. „nach außen hin den erfolgreichen Pianisten spielen wollte und der Waffenhandel dauerhaft ein Nebenerwerb sein sollte.“ Angesichts solcher krimineller Energie sei Fluchtgefahr zu befürchten. G. muss sich nun nicht mehr wöchentlich, sondern alle zwei Tage bei der Polizei melden, bis sein Urteil rechtskräftig ist.

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