Wahllokal als Familienbetrieb

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Oberbürgermeister Host Schneider (links) und Reinhard Knecht vom Referat Ehrenamt (rechts) ehrten auch Engelbert Noll (35 Wahlen), der sich seit 1974 als Wahlhelfer engagiert.

Offenbach - Wählen darf Familie Janz nicht. Jedenfalls nicht mehr in Offenbach. Warum Gerd Janz, Gattin Monika und Sohn Pierre gestern dennoch den ganzen Sonntag im Wahllokal verbringen, statt sich einen Ausflug oder einen ruhigen Nachmittag zu gönnen? Von Barbara Hoven

Weil es für sie Ehrensache ist. „Wir leisten eben bei jeder Wahl unseren Beitrag, seit Jahrzehnten, und das macht immer noch Spaß“, sagt Monika Janz, die mit ihrer Familie inzwischen in Neu-Isenburg lebt. Seither betreiben alle gemeinsam gewissermaßen Wahlhelfer-Tourismus, denn „unserem guten alten Wahlbezirk 21 wollten wir treu bleiben“.

Zum 35. Mal ist Monika Janz gestern im Einsatz, um Offenbachs Wählern die Willensbekundung zu ermöglichen – wie knapp 700 weitere Ehrenamtler, die sich auf 89 Wahlbezirke verteilen.

In einem Klassenzimmer in der Mathildenschule hat sie Getränke ausgepackt, dann den Platz der Schriftführerin bezogen, gleich neben ihrem Mann, dem Wahlvorsteher. Später soll´s auch noch Kuchen geben. Doch nicht nur der Gatte wird von ihr versorgt. Wen das Bestimmen von 71 Stadtverordneten in Kombination mit der Volksabstimmung durstig macht, für den hat die 61-Jährige im Wahlbezirk 21 auch ein Glas Wasser parat. Nur beim Wählen helfen, das dürfe sie natürlich nicht. „Auch wenn gerade ältere Leute, die sich auf dem Stimmzettel nicht zurechtfinden, öfters darum bitten.“

Kreuzchen im Liegen gesetzt

So friedlich wie gestern, erzählt Gerd Janz, sei es längst nicht bei jeder Wahl zugegangen. Einmal habe sich ein Mann quer auf den Tisch gelegt, habe aus Protest im Liegen seine Kreuzchen setzen wollen. „Und wir mussten mal die Polizei rufen“, fällt Monika Janz noch ein. Schuld seien aggressive Anhänger einer Partei gewesen, die direkt vor dem Wahllokal das Werben um Unentschlossene maßlos übertrieben hätten.

Engagement ist für Familie Janz Ehrensache: Zum 35. Mal war Mutter Monika gestern als Wahlhelferin im Einsatz - stets in Gesellschaft von Ehemann Gerd und Sohn Pierre. Fotos: Georg

Gestern dagegen bleibt ein Besuch vom Verwaltungschef das aufregendste Ereignis für Familie Janz. Oberbürgermeister Horst Schneider bringt keine Wahlbenachrichtigung mit, sondern eine Ehrenurkunde für die „Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflicht“, ausgestellt auf Monika Janz. Es folgen Dankesworte, ein Foto zur Erinnerung, ein Händedruck zum Abschied. Dann herrscht wieder Ruhe im Wahllokal.

Der große Ansturm auf die Urne bleibt aus. Sehr bedauerlich sei es, dass nicht mehr Bürger zur Wahl gingen, findet Monika Janz. Verwunderlich ist´s für sie aber nicht. Zeiten, in denen die Wahlhelfer Däumchen drehen, habe es immer gegeben. „Ich hab auch schon im Wahllokal gehäkelt oder einen Roman gelesen“, sagt die Rentnerin, lacht herzlich und erzählt von ihren Wahl-Einsätzen seit 1978 in der Goethe-, Schiller- und jetzt in der Mathildenschule. Und davon, dass sicher noch weitere folgen werden; „ans Aufhören denken wir nicht“. Sätze, die Beate Kolodziejski glücklich machen.

Nicht jeder Helfer ganztägig im Einsatz

Die Leiterin des städtischen Wahlamts muss unbedingt loswerden, „dass wir in Offenbach das große Glück haben, sehr engagierte Wahlhelfer zu haben“. Probleme, genügend Helfer zu finden, gebe es selten. „Darauf bin ich stolz, vor allem wenn ich sehe, wie andere Städte um Helfer ringen.“

Am finanziellen Anreiz kann´s nicht liegen. Für den Sonntag an der Urne gibt es eine Aufwandsentschädigung von 36 Euro für Beisitzer, Wahlvorsteher kriegen fünf Euro mehr. Dafür ist nicht jeder Helfer ganztägig im Einsatz, mancher Wahlvorsteher teilt sein Team in Schichten ein. „Aber um 18 Uhr wird ausgezählt, dann müssen alle wieder antreten“, sagt Janz.

Heute brüten nochmals 140 Helfer über jenen Stimmzetteln, auf denen die Wähler von den Möglichkeiten des Kumulierens und Panaschierens Gebrauch gemacht haben. Das Gros der Auswerter, gut 70 Prozent, sind heute städtische Mitarbeiter. Ihr Einsatz wird als Arbeitszeit gewertet. „Der Rest sind Freiwillige, die teilweise sogar Urlaub nehmen für die Auszählung“, berichtet Beate Kolodziejski.

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