Die Wahrheit des Herrn Colak

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Busfahrer Kenan Colak: „Wenn ich Hartz IV bekommen würde, hätte ich es leichter.“

Offenbach - „Es ist ja nicht nur das Geld. Man verweigert uns den Respekt.“ Kenan Colak wird seiner Frau und den Kindern in diesem Jahr keine kleine Reise zur Familie in die Türkei bieten können. „Das Geld reicht nicht, wir können gar nichts zurücklegen.“ Von Michael Eschenauer

„Wir“, das sind in der Familie Colak außer der Ehefrau die beiden Töchter Ceynep (10) und Azra (4) sowie der Sohn Mustafa (1). Es ist Montag, 7.45 Uhr. Normalerweise sitzt der stämmige 30-Jährige um diese Zeit am Steuer, doch heute kreist er nicht mit seinem Mercedes, Citaro oder MAN durch Offenbach. Die gesamte Flotte der Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB) steht mit kalten Motoren auf dem Betriebshof in der Hebestraße 14. Auf den Straßen stauen sich die Autos, viele Fußgänger sind unterwegs, die S-Bahnen quellen über. In Offenbach stehen alle Räder still - Verdi will es.

Im Streiklokal neben der Buswerkstatt leisten 150 Kollegen dem Offenbacher Türken kurdischer Abstammung Gesellschaft. So viele seien es mindestens, schätzt Zacharias Leis, Betriebsratsvorsitzender von OVB und Mainmobil. Viele seien gekommen, obwohl sie Urlaub hätten. Aus Solidarität. 6,5 Prozent, beziehungsweise mindestens 200 Euro mehr im Monat fordert Verdi für die 65 Fahrer und 56 weiteren Beschäftigten, die noch bei der OVB arbeiten. 1,50 Euro mehr Stundenlohn sollen es für die 180 Kollegen sein, die bei den drei privaten bzw. ausgegliederten Billig-Busunternehmen Mainmobil, Vineta und Bonifer im Dienste der OVB Menschen für noch weniger Lohn von A nach B befördern.

Es herrscht ein Riesentrubel. Manche Fahrer sind seit Beginn der Frühschicht gegen 3 Uhr hier. Viele haben Ringe unter den Augen. Es gibt Rindswurst oder Kaffee aus Plastikbechern. Und an den Resopaltischen geht es um die Frage, ob alles erst noch schlechter werden muss, bis es vielleicht irgendwann auch mal wieder besser wird. Und wie es um die Gerechtigkeit in einer Gesellschaft bestellt ist, die Menschen mit Hungerlöhnen abspeist, aber Milliardenpakete für Banken und Mittelmeerländer schnürt. Wer hier Bewegung in die Szene bringen will, muss nur das Wort „Wulff“ fallen lassen. Auf dem Flur sitzt Elvira Reinsch auf einem Tisch und sagt ganz ruhig einen Satz: „Die Dienste werden immer länger und der Stress im Verkehr immer mehr. Das einzige was weniger wird, ist die Bezahlung.“ Sie kann das beurteilen, denn sie fährt seit 23 Jahren Bus.

Busfahrern die Würde genommen

Colak tut das erst seit Mitte 2008, kommt aber zu dem gleichen Schluss: „Es ist unfair. Wir fahren hier Kinder, Menschen und keine Kisten durch die Gegend. Wir tragen Verantwortung“, ärgert er sich. Da arbeite man so viel und sei trotzdem gezwungen, Antrag auf Wohngeld zu stellen, um leben zu können. Eine Putzfrau verdiene mehr Geld. „Und wenn bei der mal was schief geht, fällt höchstens ein Putzeimer um.“ Die Politik habe den Busfahrern ihre Würde genommen. Das merke man auch daran wie einen die Fahrgäste behandeln würden, sagt der Türke mit dem Gel im Haar. Bei einem Grundgehalt von etwa 1 800 Euro bezieht er Wohngeld von 200 Euro und kommt auf maximal 2 100 Euro Netto im Monat. Überstunden sind da schon drin. Die Kollegen bei der OVB verdienen 2 300 Euro plus Überstunden. Auch hier werde man ausgepresst. „Wir sind neun Stunden unterwegs, bezahlt werden wir aber nur für sieben“, so Busfahrer Thomas Mix.

Bei Colak gehen 750 Euro für die Miete drauf. „Wenn ich Hartz IV bekommen würde, hätte ich es leichter“, sagt er. „Da hast du, wenn die Waschmaschine kaputtgeht, kein Problem. Wir aber schon.“ Man könnte, so der dreifache Familienvater, durchaus auf die Idee kommen, dass man als Arbeitsloser ein besseres Leben habe. Seit 1984 lebt Colak in Deutschland. Seine Wahrheit lautet: „Die Reichen werden immer reicher und der Staat blutet aus.“ 200 bis 300 Euro mehr im Monat und seine Probleme wären gelöst.

Dafür hätten die Probleme dann andere. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Kommunen, die den Busbetrieb zahlen, praktisch pleite sind. Man würde gerne mehr und gerechter zahlen, heißt es hier - aber leider ... Und die Busfirmen? „Angesichts der Rahmenbedingungen des Ausschreibungswettbewerbs in Hessen überzogen und nicht finanzierbar“, heißt es zu den Verdi-Forderungen. Man müsse sich an die langfristigen Verträge mit den öffentlichen Auftraggebern halten. Schon jetzt liege man mit dem Angebot über der Fortschreibung. Für mehr gebe es keine Finanzierungsgrundlage, kommt es vom Landesverband Hessischer Omnibusunternehmen.

„Gnadenlose Preisdrückerei“

„Die haben doch gar keinen Spielraum mehr. Die Verhandlungen führen die Kommunen“, sagt Andreas Jung, Verhandlungsführer für das private Busgewerbe in Hessen und Gewerkschaftssekretär in Offenbach. Er hat sein Megaphon immer griffbereit. Damit verbreitet er seine Wahrheit.

Zwischen 12 und 14,50 Euro liege deutschlandweit der Stundenlohn für Busfahrer. In Hessen, dem Schlusslicht, seien es gerade mal 10,51 Euro bei den privaten Busbetrieben. Bei den kommunalen gehe es hoch bis elf Euro. „Die gnadenlose Preisdrückerei ist politisch gewollt“, so Jung. Die EU räume den Kommunen durchaus eine weniger brutale Ausschreibungspraxis ein. Mit 2,5 Millionen Euro, so hat Jung grob ausgerechnet, könnte man die Busfahrer in den privaten Busunternehmen in Hessen angemessen statt mit Dumpinglöhnen bezahlen - insgesamt koste der öffentliche Personennahverkehr hier 1,6 Milliarden Euro. Als widersinnig empfindet man es im Streiklokal, dass der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) zwar durch die rigide Preispolitik Steuergelder einspare. Gleichzeitig aber koste die Alimentierung der trotz Arbeit armen Fahrer durch die öffentliche Hand genau jenes Geld, das man vorher weniger habe ausgeben müssen. Zahlmeister sei in beiden Fällen der Steuerzahler.

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