„Reine Geldmacherei“?

Trotz Brut- und Setzzeit: Bäume gefällt

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Im Wald auf der Rosenhöhe werden Eichen, Buchen, Kiefern und Douglasien gefällt. Dass dies in der Brutzeit geschieht, ärgert Spaziergängerin Inga Volk.

Offenbach - Frühling – für die Tiere in Wald und Garten die wichtigste Zeit des Jahres. Es gilt, die Jungen großzuziehen. Dafür brauchen sie vor allem zwei Dinge: Ein gutes Versteck und möglichst viel Ruhe. Von Veronika Szeherova

Deshalb dürfen in der gesetzlich geschützten Brut- und Setzzeit vom 1. März bis 30. September Bäume und Gehölz weder gefällt noch zurückgeschnitten werden. Das Umweltamt erteilt eine Sondergenehmigung nur, falls von dem Baum eine unmittelbare Gefahr ausgeht, da er akut bruch- oder einsturzgefährdet ist. Ansonsten hat der Tierschutz Vorrang.

Das weiß auch Tina Barwig, die oft im Wald auf der Rosenhöhe spazieren geht. Umso mehr wundert sie sich: „Seit zwei Wochen werden dort gefühlte 100 Bäume lautstark gefällt, zerlegt und abtransportiert. Das stört die Tiere nicht bei ihrer Brut?“ Sie könne sich nicht vorstellen, dass die Forstarbeiter nachschauen, ob im ausgesuchten Baum ein Nest ist oder dort Rehe setzen.

„Reine Geldmacherei“

„Wir Hundehalter müssen unsere Hunde an der Leine führen, sonst droht eine Geldstrafe – aber die dürfen machen, was sie wollen?“, fragt sie kopfschüttelnd und vermutet „reine Geldmacherei“. Rolf Weyh vom Offenbacher Umweltamt klärt auf: „Ordnungsgemäße landwirtschaftliche, forstwirtschaftliche und fischereiwirtschaftliche Arbeiten sind das ganze Jahr zulässig. Dafür brauchen die Förster von uns keine Genehmigung, wir haben keine Zugriffsmöglichkeiten.“

Unabhängig von Brutzeiten dürfe im Stadtwald, im Staatsforst wie auch in Privatwäldern gearbeitet werden. Bedingung: Die Artenschutzvorschriften müssen eingehalten werden. Revierförster Viktor Soltysiak betont, dass die Arbeiten gegen kein Gesetz verstoßen, und verweist auf die Landwirtschaftsklausel. „Manchmal bleibt es nicht aus, dass Forstarbeiten in die Brut- und Setzzeit fallen. Wir bemühen uns aber, die Zeiten einzuhalten.“ Die Fällungen seien abgeschlossen, jetzt werde das geschlagene Holz gerückt.

Bäume im Herbst laubfrei und saftlos

Wie Michael Löber, stellvertretender Leiter des zuständigen Forstamts Langen, mitteilt, wird Holz meist in der Zeit von Ende September bis Ende März geerntet, wenn die Bäume laubfrei und saftlos sind. Abhängig von den Witterungsbedingungen könne sich das aber nach hinten verschieben. Vor allem in jüngeren Nadelholzbeständen sei die Holzernte mit sogenannten Harvestern noch bis Ende April möglich – wie nun in Offenbach.

Dass Tiere dabei gestört werden, sei leider nicht zu vermeiden. Da die Flächen nur einen kleinen Teil des Gesamtwalds ausmachen und dort nur alle fünf bis zehn Jahre gearbeitet werde, bleibe genug ungestörter Raum. „Auf die Belange des Tier- und Naturschutzes nehmen wir durchaus Rücksicht“, sagt Löber. So würden Bäume mit Horsten von Großvögeln oder Spechthöhlen schon in der Arbeitsvorbereitung markiert und nicht gefällt.

Frühlingsbilder unserer Leser

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Diese Beobachtung hat auch Weyh bei einer Exkursion durch den Wald gemacht. „Der Förster arbeitet sehr sorgfältig“, lobt der Naturschützer. Dennoch hofft er, ebenso wie Tina Barwig und ihre Freundin Inga Volk, auf baldige ruhigere Waldspaziergänge. Und eine ungestörte Brut- und Setzzeit.

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