Bewährung für Waldmensch

Offenbach - Nach mehrjähriger Weltreise steigt der Ingenieur Dieter P. ganz aus. Unten angekommen, dreht er durch, als es mit der Auszahlung der Sozialhilfe nicht klappt. Ein bizarrer Fall vorm Amtsgericht. Von Matthias Dahmer

Irgendwann in den Jahren 2004/2005, so genau lässt sich das nicht mehr ermitteln, beginnt das Leben von Dieter P. schief zu laufen. Dabei ist die Vita des gestern in Handschellen vorgeführten 50-Jährigen, den Gutachter Professor Manfred Bauer in Saal 118 des Amtsgerichts als „Sonderling mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, aber nicht psychisch krank“ beschreibt, bis dahin schon ungewöhnlich genug.

Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in Maintal, lernt P. nach dem Hautpschulabschluss Heizungsmonteur. Weil ihm das nicht reicht, studiert er ab 1978 an der Fachhoschule Gießen, verlässt sie zehn Semester später als Diplom-Ingenieur. Nach fünf Jahren im gut bezahlten Job und einen Konflikt mit seinem Vater beschließt P., der noch zu Hause wohnt, den Ausstieg: Von 1999 bis 2004 begibt er sich mit Erspartem auf Weltreise.

P. kann nicht mehr Fuß fassen

Wieder zurück kann P. nicht mehr Fuß fassen in der Gesellschaft. Er bezieht Sozialhilfe, baut sich im Wald von Hanau-Wilhelmsbad einen höhlenartigen Unterschlupf, wo er von da an lebt. Seine ständigen Begleiter sind der Mangel und die Angst. P. sucht sich sein Essen in Mülltonnen und bastelt sich, nachdem er einmal überfallen wird, ein unter das Waffengesetz fallendes Würgeholz, einen sogenannten Nunchaku, den er künftig immer bei sich hat.

So auch am 7. Januar 2008, als sich Dieter P. bei der Offenbacher Hartz IV-Behörde Mainarbeit seine wöchentliche Stütze abholen will. Dort kann man die Hilfe für Wohnsitzlose an diesem Tag nicht wie üblich in bar auszahlen. Der sonst immer friedlich auftretende P. wird wütend, bittet die am Schreibtisch sitzende Sachbearbeierin noch höflich ein wenig zurückzutreten, ehe er mit dem Nunchaku auf den Tisch haut und dabei einen Computerbildschirm zertrümmert.

Vom Leben im Wald gezeichnet

Noch zwei weitere Male, am 21. und 28. Januar, will P. sich in Offenbach sein Geld auszahlen lassen. In beiden Fällen weist das Sicherheitspersonal der Behörde ihn schon an der Pforte ab. Ob P. dabei gedroht hat, mit einer Pistole wiederzukommen, wie Zeugen vor vier Jahren bei der Polizei ausgesagt haben, kann gestern nicht mehr geklärt werden.

Im März dieses Jahres holt die Polizei Dieter P. zur Vorbereitung des am 30. April beginnenden Prozesses aus dem Wald, steckt ihn in Untersuchungshaft. Bereits am ersten Prozesstag verpasst P. – ein schlanker, hochgewachsener Mann, der vom Leben im Wald gezeichnet ist – die Chance, freizukommen. Obwohl die ihm vorgeworfenen Delikte vergleichsweise harmlos sind, Staatsanwältin Annette von Schmiedeberg ebenso wie Richterin Dr. Lea Eggerstedt gerne eine Bewährungsstrafe aussprechen würden und nur auf entschuldigende Worte von P. warten, gibt sich dieser verstockt.

Er habe seit Jahren eine Freundin in Italien

Gestern dann gesteht er zunächst über seinen Verteidiger Wolfram Rädlinger die Tat mit dem Würgeholz. Dass er mit einer Waffe gedroht haben soll, bestreitet P. indes. Ein wenig gesprächiger wird der Angeklagte, als Staatsanwältin von Schmiedeberg ihm unter Hinweis auf eine Vorstrafe wegen der Bedrohung von Polizisten im Jahre 2010 unmissverständlich klar macht, dass seine Sozialprognose unter diesen Umständen alles andere als günstig ist und er möglicherweise weiter in Haft bleibt.

Er habe seit Jahren eine Freundin in Italien am Gardasee, die er regelmäßig besucht und dabei mit Geld und Geschenken überhäuft habe. „Das hat mich mehr als 100.000 Mark gekostet“, lässt P. sich schließlich entlocken, dass „sein Mädchen“ dort immer noch auf ihn warte. Aufgrund der guten Kontakte wolle er sich in Italien nun auch eine Arbeit suchen.

So verurteilt ihn das Amtsgericht wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz, Sachbeschädigung und Bedrohung zu acht Monaten auf Bewährung. Zudem soll ein Bewährungshelfer Dieter P. zurück ins geregelte Leben und in einen Job führen. Sollte P. wie angekündigt nach Italien auswandern, muss er das dem Gericht mitteilen.

Rubriklistenbild: © dpa

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