Waldschule Tempelsee

Nicht wegzudenken

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Eine treibende Kraft hinter der Betreuung an der Waldschule ist die Vereinsvorsitzende Gertrud Marx – hier bei einem Interview mit dem Krankenhausfunk Radio Brinkmann.

Offenbach - Anfangs nutzen zehn Kinder das Angebot, heute sind es achtzig. An der Waldschule Tempelsee ist die Mittagsbetreuung ein Erfolgsrezept – und das seit 15 Jahren. Als belastend wird nur die Verwaltung und Organisation angesehen. Von Martin Kuhn

Mit jedem Tag steigt die Aufregung. Hessenweit beginnt am Dienstag, 20. August, für unzählige Buben und Mädchen ein neuer Lebensabschnitt. Es ist ihr erster Schultag. Viel Arbeit für Waldschulleiterin Hannelore Grebe: Sie teilt Klassen ein, weist Lehrer zu, erstellt Stundenpläne, beachtet ministerielle Vorgaben. Damit ist’s in Tempelsee freilich nicht getan. Die großen Ferien bringen auch dem Betreuungsverein um Gertrud Marx genügend Beschäftigung: An- und Abmeldungen für die Mittagsbetreuung, die heute aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken ist.

Vor 15 Jahren gestartet als kleiner Versuch, darf’s mittlerweile als erfolgreiches Modell betrachtet werden – und zwar nicht allein für die Grundschüler. Die Problematik war 1998 und ist heute in Tempelsee die gleiche wie in weiten Teilen der Republik: Die Schule ist aus, aber die Kinder können nicht nach Haus’, weil Papa und Mama arbeiten. Dem gesellschaftlichen Wandel begegnen Politik und Verwaltung nicht mit einem einheitlichen Konzept, sondern mit einem bunten Strauß an Möglichkeiten: offene oder gebundene Ganztagsschule, verlässliche oder pädagogische Betreuung.

Unterstützung gwünscht

Ist das nicht für alle Beteiligten verwirrend? „Ja“, gibt Gertrud Marx zu. Dann wird aus dem Vereinsvorstand diePolitikerin, die für die SPD im Stadtparlament sitzt: „Mir wäre es am liebsten, wenn alles in staatlicher Hand wäre.“ Unausgesprochen, jedoch sicher gemeint ist die finanzielle Ausstattung, respektive die (fehlende) Entgeltung der geschäftsführenden Förder- oder Betreuungsvereine. „Ehrenamtlich ist das kaum noch zu leisten“, sagt sie.

Da kommt einiges zusammen: Vertragsrecht, Bankverbindungen mit Vorbereitung auf den einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum Sepa, Hilfe bei Anträgen auf Kostenerstattung, Steuerberater. Marx sagt: „Wir wären froh, wenn wir die Unterstützung bekämen, die wir benötigen.“ Beispielsweise zehn Verwaltungsstunden – aus welchen Geldtöpfen auch immer. Aber all das soll die Kinder nicht belasten.

Nach Unterrichtsende herrscht Leben in der Betreuung. In der Waldschule gibt es Spiel-, Lego-, Bastel- und Bewegungsräume. Für jedes angemeldete Kind klebt ein Namensschild, farbig unterteilt nach Jahrgangsstufe, an der Weißwandtafel: Michelle und Markus basteln gerade. Wollen sie sich lieber bewegen, hängen sie ihr Schildchen um. „Ein einfaches, aber hilfreiches System. Wir wissen sofort, wo welches Kind ist“, sagt Rektorin Grebe. An regnerischen Tagen bleibt ein Feld an der Tafel leer: das Außengelände. Ansonsten tobt da das Leben.

Die besondere, explizit gewünschte und absolut erfolgreiche Konstellation an der Waldschule: Die Schulleitung sitzt mit im Vorstand des Fördervereins, hat so direkten Einfluss auf die pädagogische Ausrichtung. Mit zwei Chefs im Haus, etwa einem freien Träger für die Betreuung, gebe es nur Probleme, weiß Hannelore Grebe von anderen Schulen, ohne konkrete Namen nennen zu wollen. „Da kommt es nur zu unnötigen Konflikten.“

„Ein absoluter Erfolg“

Für das Vorstandsduo Grebe/Marx ist seit jeher klar, dass Mittagsbetreuung mehr sein muss als reine Aufbewahrung und Warteposition. „Wir haben für die Kinder eine hohe Verantwortung. Und es ist auch eine wertvolle Zeit, für Spiele, für Kommunikation.“ Ansonsten zeigen die Zahlen, dass der Bedarf nach Betreuungsplätzen riesengroß ist. 1998 betreute eine Erzieherin zehn Kinder täglich von 12 bis 13.30 Uhr. Die Nachfrage wächst und bis zum nächsten Schuljahr wird die Gruppe auf 25 Kinder erweitert. Die Erzieherin bekommt Unterstützung durch eine erfahrene Mutter.

2005 wird die Betreuungszeit bis 15 Uhr verlängert,die Kinder erhalten ein Mittagessen. Zwei Jahre später bietet das Land mit dem Programm „Ganztagsschule nach Maß“ die Teilfinanzierung einer pädagogischen Mittagbetreuung an. Die Waldschule bewirbt sich, der Förderkreis richtet diese Betreuung für nunmehr 65 Kinder der Waldschule ein – täglich von 12 bis 15 Uhr. Die Stadt renoviert drei Betreuungsräume und die Küche für den erweiterten Betrieb. Der Personalschlüssel wird auf sechs Betreuerinnen und eine Küchenkraft erhöht. 2008 wird die Mittagsbetreuung aus dem Förderkreis ausgegliedert und im neuen „Betreuung Waldschule Tempelsee e.V.“ verankert.

Heute besuchen 80 Kinder die Betreuung an der Waldschule, auf einer Warteliste sind weitere Buben und Mädchen vermerkt. Zwölf Frauen arbeiten dort, drei davon in einem sozialversicherungspflichtigen Verhältnis. „Auch das ist ein absoluter Erfolg“, freut sich Marx. „Unsere Kontinuität, unser festes, eingeschworenes Team sind die Erfolgsgaranten“, fügt Grebe hinzu. Nun ist das ja kein Job auf Lebenszeit, den die beiden Vorstände da innehaben. Wie geht’s weiter bis zum 25-jährigen Bestehen? Zunächst zögern beide und formulieren dann präzise: „Wir müssen es so weitergeben, dass es nicht auseinander bricht.“

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