Für Hirten und Henker

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Die Waldstraße schlängelt sich von Nord nach Süd durch das heutige Offenbach. Der Blick nach Süden (Foto) zeigt die Bahnstrecke, die im 19. Jahrhundert noch ebenerdig verlief und zudem weit außerhalb der Innenstadt lag.

Offenbach - Am Marktplatz war Schluss. Für Generationen von Offenbachern endete ihre Stadt an dem nach 1700 angelegten Platz, um dessen Umgestaltung gestritten wird. Etwa dort, wo der Markt zur Waldstraße wird, stand bis 1818 das Tor, durch das man südwärts die Stadt verließ. Von Lothar R. Braun 

Dort begann im 18. Jahrhundert die Straße nach Darmstadt. Sie führte durch Wald und Flur. Nach heutigem Standard war sie kaum mehr als ein Feldweg. Offenbacher nannten es das Hanauer Tor, häufig auch das Galgentor. Weil es das Letzte war, das zum Tode Verurteilte von Offenbach sahen. Für sie führte die heutige Waldstraße nicht nach Darmstadt, sondern in die Ewigkeit. Wer sie heute befährt, kann an ihr die Entwicklung der Stadt abmessen. Die Bezeichnung Waldstraße taucht um 1830 auf, nachdem vom Marktplatz her eine lockere Bebauung eingesetzt hatte. Im Sprachgebrauch hielt sich die Bezeichnung Triftstraße. Trift hieß der Weg, auf dem das Vieh zur Weide getrieben wurde. Noch gehörte die Waldstraße vornehmlich Hirten mit Kühen und Ziegen. Aber es gab bereits Häuser. Sie mehrten sich, nachdem 1818 das Galgentor auf der Höhe der Geleitsstraße niedergelegt worden war. 1830 erreichte die Bebauung die Höhe der heutigen Bismarckstraße.

Die Bahn gab es da noch nicht. Erst 1873 fauchten die ersten Dampfloks auf der Strecke Frankfurt-Bebra. Sie berührten die Stadt nur am Rand. Noch beklagten die Offenbacher, dass man den Bahnhof viel zu weit vom Kern der Stadt auf freiem Feld gebaut habe. Für die junge Waldstraße aber wurde die Bahn zum Riegel. Etwa 50 Jahre lang kreuzten die Züge sie auf ebener Erde, gesichert durch vom Bahnwärter mit der Hand gekurbelte Schranken. Je dichter die Zugfolge, umso länger stauten sich die Pferdefuhrwerke vor geschlossenen Schranken. Unfälle blieben nicht aus. Nur für Fußgänger gab es seit Ende des Jahrhunderts eine Erleichterung. Sie konnten die Gleise auf einem Steg überqueren. Buben versuchten gern, aus der Höhe in die Schornsteine der Lokomotiven zu spucken.

Da hatte sich die Waldstraße schon weiter gestreckt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trieb die Industrialisierung die Einwohnerzahl in die Höhe. Das ermunterte zum Bau mehrstöckiger Häuser mit Mietwohnungen. Die Bebauung wurde dichter, Lücken schlossen sich. Zwischen kleinen Häusern lag vielfach zunächst freies Feld, und je weiter man ging. Das änderte sich, nachdem die Bauarbeiter um 1900 die Linie Hessenring und Friedrichsring erreicht hatten. Nach Darmstadt führte die Waldstraße nicht mehr. Nachdem Offenbach 1815 vom Großherzogtum Hessen-Darmstadt geschluckt worden war, nutzte die Regierung es als Verbindung zur nordmainischen Provinz Oberhessen. Seit 1819 gab es am Isenburger Schloss eine Schiffsbrücke über den Main. Im Jahr darauf wurde die Sprendlinger Landstraße ausgebaut. Der Stummel Darmstädter Straße ist ein Rest dieser Verbindung in die damalige Hauptstadt. Ein regelmäßiger Postdienst mit Pferd und Wagen lief von Frankfurt über Offenbach, Bieber, Seligenstadt und Aschaffenburg bis Augsburg. Auch er benötigte die Waldstraße nicht.

Nacht der Museen in Offenbach

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Noch gab es Freiräume. Wo heute die Albert-Schweitzer-Schule steht, öffnete sich eine Fläche, auf der Kinder spielten und im Sommer Raum war für Volksfeste und Zirkusse. Gegenüber, heute steht da die AOK, imponierte eine Villa mit Garten. Dann folgten bis zum Wald nur ein paar Häuser und Fabriken. Vom Odenwaldring nach Süden prägten Gewerbe und Industrie das Bild. Noch immer nahmen Ausflügler diesen Weg, wenn sie zur Tempelseemühle spazierten. Das Ausflugslokal stand etwa dort, wo sich heute die Kirche St. Konrad erhebt. Sie ist wie das umgebende Viertel ein Produkt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur der ostwärts anschließende Stadtteil Tempelsee entstand in den 20er und 30er Jahren.

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