Wann kommt Hühner-Hugo?

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Vom Turnier in Paris direkt auf die Rosenhöhe. Die beiden 17-jährigen Chinesinnen Tang (links) und Ran gestern vorm Training auf der Anlage des TCW. 

Offenbach - Tennis? Der Kollege, dem das runde Leder viel zu oft den Blick für andere Sportarten verstellt, rümpft die Nase: „Das interessiert doch niemanden mehr. “ Knapp daneben. Würde er sich auf der Rosenhöhe umschauen, wäre er eines Besseren belehrt. Von Matthias Dahmer

Noch bis zum Sonntag wird dort - auf den Anlagen des Hessischen Tennisverbands, des TC Waldschwimmbad und des TC Rosenhöhe - Sport vom Feinsten geboten. Fast 250 Nachwuchstalente aus mehr als 40 Ländern von Argentinien bis Zimbabwe schlagen bei Deutschlands größtem Internationalen Junioren-Tennisturnier auf.

Die Profis von morgen sammeln bereits zum achten Mal Weltranglistenpunkte in Offenbach. Und ohne Uta Tschepe geht gar nichts. „Das Doppelzimmer für 60 Euro, das ist fast geschenkt“, klärt die Turnierchefin und Vizepräsidentin des HTV am Handy einen Anfragenden auf, dass er eines von 130 gebuchten Zimmern im Holiday Inn am Flughafen haben könnte. Zwischendurch gibt sie den Auftrag, die verschwitzen Klamotten von gerade aus Paris von Roland Garros angereisten Spielerinnen in eine Wäscherei zu bringen, weist auf die an diesem Montagmorgen pausenlos anrollenden Kleinbusse hin, die am Eingang des HTV junge Sportler aus aller Welt ausspucken, und bringt es fertig, trotzdem konzentriert die Fragen des Journalisten zu beantworten. „Ich bin hier der Drache vom Dienst. Aber einer muss das ja machen“, sagt sie, die mal selbst aktiv war und die der Sport offenbar niemals mehr losgelassen hat.

Simon kommt zu uns an den Tisch. Der 43-jährige Australier ist Nationaltrainer in China, Uta Tschepe hat ihn vor 15 Jahren in Isreal zum letzten Mal gesehen. „It’s a small world“, begrüßt sie ihn in der einzigen Sprache, in der im Tenniszirkus Verständigung möglich ist. Viel Zeit für Erinnerungen bleibt nicht. Simon ist im Stress. Muss gleich wieder los. Zum Training mit seinen beiden Schützlingen Ran und Tang. Die17-jährigen Mädels haben die schweren Taschen schon geschultert, Musik rieselt aus ihren Kopfhörern.

Die Vorbereitung auf die Matches laufen beim TCR und beim TCW. Acht Plätze sind an diesem Vormittag zum Beispiel bei letzterem, der Tennisabteilung des EOSC, für die Nachwuchstalente reserviert. Dort, wo es sonst ältere Semester meist etwas ruhiger angehen lassen, wird auf die gelbe Filzkugel eingedroschen - mit einem gemütlichen Doppel hat das nichts mehr zu tun.

Beim TCR machen sich Valeria (15) aus Israel und die Kroatin Iva (16) gerade warm. Trainer Asaf gibt kurze Anweisungen, wehrt mit Hinweis auf die Qualifikationsspiele Fragen höflich ab.

Uta Tschepe lobt die hervorragende Zusammenarbeit mit den beiden Vereinen, bezeichnet die Möglichkeiten in Offenbach als das Beste, was diesem Turnier widerfahren konnte. Seit 2004 ist die Rosenhöhe Austragungsort. Zuvor spielte man im Tennisclub Frankfurt Palmengarten. „Das war das falsche Ambiente, zu elegant für die Jugend“, formuliert Turnier-Chefin Tschepe.

Seit Anfang Mai sind die Spieler, die von ihren Landesverbänden gesponsert werden, auf Tour. Auf Offenbach folgen die Gerry Weber Open in Halle in Westfalen. Das Turnier in Wimbledon im Juli bildet dann den Abschluss.

Dass in dieser Zeit für die 15- bis 18-Jährigen an Schule nicht zu denken ist, wird aus unterschiedlichen Gründen in Kauf genommen. „Einige konzentrieren sich schon jetzt voll auf eine Profi-Karriere, in einigen Ländern ist das mit der Schulpflicht flexibler geregelt“, erklärt Uta Tschepe. Nur in Deutschland sei es besonders schwierig, eine Auszeit zu bekommen. Man müsse wohl noch mehr den „Eitelkeiten“ der Schulen Rechnung tragen, sagt sie. Dabei seien die meisten der an ein Zeitmanagement gewöhnten Sportler eigentlich ganz gute Schüler, ergänzt Anne Lange. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit beim Turnier zuständig, macht das ebenso wie die anderen vom Organisationsteam ehrenamtlich. Als Beispiel für die Vereinbarkeit von Schule und Sport führen die beiden die mittlerweile zur Weltklassespielerin gereifte Andrea Petkovic an. Die sei bei den Jugendturnieren immer mit ihren Schulbüchern unterwegs gewesen.

Das Mitverfolgen sportlicher Karrieren ist es denn auch, was für Joachim Ortel den Reiz der Turniere ausmacht. Er ist Oberschiedsrichter in Offenbach, macht den Schiri-Job seit 25 Jahren. So erinnert er sich etwa an einen Rainer Schüttler, der in jungen Jahren nicht immer zu den Besten gezählt habe.

Was das Interesse am Tennis angeht, ist für Uta Tschepe „die Talsohle durchschritten.“ Hessenweit 150 gemeldete Mannschaften bei den Unter-Achtjährigen und weiter steigende Zahlen bei den 9 bis 12-Jährigen sind für sie ein eindeutiger Trend.

Einer der Höhepunkte auf der Rosenhöhe abseits vom Sport, erzählt die Seele des Turniers, wird wieder „Hühner-Hugo“ mit seinen halben Hähnchen sein. Egal ob Südamerikaner oder Asiaten - alle fragen, wann der „Chicken-Man“ mit seinem Wagen kommt.

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