Wann wird’s mal wieder richtig Winter?

Klimaerwärmung sorgt für milde Temperaturen, wenn es eigentlich klirrend kalt sein sollte

So kann es aussehen, wenn in Hessen Schnee liegt.
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So kann es aussehen, wenn in Hessen Schnee liegt.

Eislaufen auf zugefrorenen Seen und Flüssen, Schneeballschlachten, Schlittenfahren – Kinder in den Niederungen des Rhein-Main-Gebiets, die nach den Wintermonaten 2013 geboren sind, kennen das wohl nur aus Büchern, aus dem Winterurlaub oder von Erzählungen der Eltern und Großeltern.

Offenbach – Laut Statistik des Deutschen Wetterdienstes (DWD) gab es zuletzt im Winter 2012/2013 viel Schnee, die Wetterstation am Frankfurter Flughafen zählte damals 28 Tage, an denen die Schneedecke höher als ein Zentimeter war. Im Winter 2009/2010 waren es sogar 69 Schneedeckentage im Rhein-Main-Gebiet gewesen. Seitdem hat es zwar noch vereinzelt geschneit, lange blieb die weiße Pracht jedoch nie liegen. .

„Besonders seit Ende der 1980er Jahre sind im Zuge der allgemeinen Klimaerwärmung auch die Winterdurchschnittstemperaturen deutlich angestiegen. Damit einhergegangen ist ein Rückgang der Anzahl der Schneedeckentage und der Eistage“, bestätigt DWD-Meteorologe Thomas Kesseler-Lauterkorn den Eindruck, dass in unseren Breitengraden früher mehr Winter war.

Ein Blick auf die Mittelwerte zeige, dass die Durchschnittstemperatur in den letzten Jahrzehnten in der Region um mehr als ein Grad angestiegen sei. „Klimatologisch gesehen eine enorme Hausnummer“, so Kesseler-Lauterkorn. Während es beispielsweise früher alle fünf bis zehn Jahre Durchschnittstemperaturen von unter 0 Grad gab (im Winter 1962/1963 waren es gar minus 4,45 Grad), liegt der letzte Winter mit durchschnittlichen Minustemperaturen bereits knapp 35 Jahre zurück (1985). Auch die Anzahl der Eistage (weniger als 0 Grad Tagestemperatur) ist seit den 50er Jahren stark zurückgegangen: Waren es bis Anfang der 70er Jahre meist mehr als zehn Eistage (1963 sogar 54), wurden seit 2013 nie mehr als acht Eistage gezählt. Einzig der Winter 2009/2010 bildet die Ausnahme mit 40 frostigen Tagen (bei einer Durchschnittstemperatur von 0,72 Grad).

Ein Klimamittel werde üblicherweise aus einem 30-jährigen Zeitraum gebildet, erläutert der Experte. Das „alte Klima“ könne mit dem Bezugszeitraum 1961 bis 1990 beschrieben werden, der neue Durchschnitt für den Zeitraum 1991 bis 2019. Die Anzahl der Schneedeckentage sei im Vergleich dieser beiden Zeiträume grob um ein Drittel oder sogar etwas mehr zurückgegangen. Bei den Eistagen liege der Rückgang bei etwa 30 Prozent.

„Nach Klimaprojektionen soll sich dieser Trend fortsetzen, das heißt aber nicht, dass es in Zukunft überhaupt keine kalten Witterungsabschnitte und keinen Schnee mehr geben wird. Diese winterlichen Ereignisse werden allerdings immer seltener vorkommen“, prognostiziert Kesseler-Lauterkorn. „Vor allem längere hochwinterliche Abschnitte über Wochen werden unwahrscheinlicher. Insgesamt sollen die Winter noch milder und eher auch nasser werden, die zukünftige Entwicklung bei den Niederschlägen ist allerdings mit einer relativ großen Unsicherheit behaftet.“

In diesem Winter hat es hierzulande bisher noch gar nicht geschneit, was diese Zeitung zum Anlass genommen hat, unsere Leser um Einsendung alter Leserbilder von vergangenen „echten“ Wintern zu bitten. Die Resonanz war riesig: Fast 100 Fotos sind unserer Redaktion zugeschickt worden – teilweise sogar noch aus den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts, einige aber auch noch von den letzten „richtigen“ Wintern 2010 und 2012.

Winterfreunde können auch für diesen Winter noch ein bisschen auf Schnee und Frost hoffen, auch wenn die aktuellen Vorhersagen erst einmal nicht darauf hindeuten. Meteorologe Kesseler-Lauterkorn: „Nun dauert der klimatologische Winter noch einen ganzen Monat, ob es im Laufe des Februars einen markanten Kälterückfall und Schnee bis ins Tiefland gibt, ist naturgemäß noch offen, der Start in den Februar ist jedenfalls mild.“

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