Warten auf Asylanhörung

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Die niedergelassene Offenbacher Ärztin Mahin Madadi hat das längst hinter sich, was dem Musiker Arman Sigarchi noch bevorsteht.

Offenbach ‐ Als die Offenbacher Ärztin Mahin Madadi ihren Patensohn Arman Sigarchi das erste Mal sah, war der zwei Monate alt. Damals lebte Mahin Madadi, die Freunde und Bekannte Schabnam nennen, mit ihrem damaligen Mann und der zweijährigen Tochter in Teheran im Untergrund. Von Stefan Mangold

Ihr Mann hatte unter dem Schah als Funktionär einer linken Partei vier Jahre im Gefängnis gesessen. Dann kam es zur Revolution. Binnen Monaten konstituierte der schiitische Klerus seine Macht. Für die Madadis bedeutete das, nach der kurzen Verschnaufpause wieder ein Leben in Angst und Konspiration führen zu müssen. Irgendwann „mussten wir von jetzt auf gleich abhauen.“ Seit 1984 lebt Mahin Madadi im Rhein-Main-Gebiet. Vor vier Jahren übernahm sie in Offenbach eine Praxis für Allgemeinmedizin, die Tochter studiert Jura in Köln. Und in ihrer Küche sitzt jetzt ihr Patensohn Arman Sigarchi (26). Nun musste dieser in Deutschland Asyl beantragen.

Der stoisch wirkende Sigarchi, an dem ein offenes Lachen auffällt, ist im Iran ein prominenter Musiker. Dreimal gewann er den wichtigsten Wettbewerb auf dem im arabischen Raum und in Persien verbreiteten Vorläufer der europäischen Laute, dem Oud. Sigarchi widmet sich der klassischen iranischen Musik und gab mit verschiedenen Ensembles auch im Ausland viele Konzerte, wenn ihm das Regime die Ausreise nicht gerade verweigerte.

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg nahm vor zwei Jahren im eigenen Sendesaal ein Konzert mit dem Chor des Hauses und Sigarchis Ensemble auf. Seinen jüngsten großen Auftritt hatte Sigarchi am 9. Oktober im vergangenen Jahr in Weimar mit der Gruppe „Raz o Niyaz“ und dem Sänger Salar Aghili beim Festival West Östlicher Divan. Hinterher traf sich Sigarchi mit Mahin Madadi. Als er zu ihr ins Auto stieg, sagte Sigarchi: „Schabnam, ich kann nicht zurück.“

Seinen Bruder ließen sie wieder laufen

Vergangenen Juni setzten Männer der Iranischen Revolutionsgarde Sigarchi fest. Sie hatten ihn beobachtet, als er eine Demonstration gegen den Präsidenten Ahmadinedschad filmte. Nach Stunden durfte Sigarchi wieder gehen, musste jedoch unterschreiben, nichts mehr zu filmen und zu demonstrieren. Er bekam eine Vorladung. Er habe gegen den Islam gehetzt, stand in dem Schreiben. Sigarchi kam nicht.

Zu seinen Glück funktioniert die Bürokratie im Iran nicht immer reibungslos. Die Basidji, ein Teil der Revolutionsgarde, der sich aus Freiwilligen rekrutiert, hatten es versäumt, Sigarchi zur Fahndung an Flughäfen auszuschreiben, weshalb er im Oktober in Weimar auftreten konnte. Einige Tage nach dem Konzert bekamen seine Eltern für ihn eine weitere Vorladung zugestellt. Im November erschienen schließlich die Basidji, um den Lautenspieler zu verhaften. Vergeblich. Statt dessen nahmen sie Sigarchis Computer und seinen jüngeren Bruder mit. Den ließen sie nach einem Tag wieder laufen, den Computer behielten sie.

Auf der Festplatte fanden sie Interessantes. Denn ein weiterer Bruder Arman Sigarchis lebt in den USA. Der saß zwei Jahre im Iran im Gefängnis, nutzte die ärztliche Behandlung wegen eines Krebsleidens zur Flucht und arbeitet heute als Journalist beim Sender Voice of America für das persischsprachige Programm. Arman Sigarchi sandte seinem Bruder Arash Sigarchi in den letzten Monaten Nachrichten und Bilder von Demonstrationen gegen die wahrscheinlich gefälschten Präsidentenwahlen. So etwas werten die Tribunale als Spionage.

Irrsinn des Regimes und Gefängnis entgehen

„Ein autoritäres Regime reagiert stets unberechenbar,“ sagt die längst eingedeutschte Mahin Madadi, „das zeigt der Fall der Offenbacher Künstlerin Parastou Forouhar deutlich.“ Madadi ist Mitglied des iranischen Schauspielensembles „Daritsche“, das am 17. Januar in Frankfurt ein Stück zur Ermordung der Eltern von Parastou Forouhar auf persisch mit deutschen Untertiteln aufführt. Den Mord an den missliebigen Oppositionellen gab 1988 wahrscheinlich der iranische Geheimdienst in Auftrag. Seit Jahren bemüht sich die Tochter um Aufklärung. Im Dezember nahm sie die Polizei in Teheran fest. Nach über zwei Wochen durfte sie das Land verlassen. „Die Behörden im Iran wollen, dass Parastou endlich Ruhe gibt.“

Arman Sigarchi hofft, dem Irrsinn des Regimes und dem Gefängnis zu entgehen. Anfang Februar findet seine Anhörung zum Asylantrag statt. „Einer wie Arman Sigarchi wäre gut für die iranische Musik in Europa,“ freut sich Pirusan Mahboob, der das Konzert in Weimar organisiert hatte. Doch der Oudspieler hat jetzt andere Sorgen.

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