Warten aufs Augenöffnen

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Gerd Kniese mit Hündin Bella und einem der sieben Welpen, die es durch die ersten zehn Tage ihres Lebens geschafft haben.

Bieber ‐ Mit leuchtenden Augen erzählt Gerd Kniese von der Nacht, als seine Hündin Bella sieben Welpen gebar. Sieben bayerische Gebirgsschweißhunde. Um halb Fünf sei er aufgewacht, sagt Kniese. Von Stephan Degenhardt

Seit einigen Nächten schon schlief er in seinem Büro, neben der trächtigen Hündin, und in dieser Nacht lief sie unruhig hin und her, schnaufte tief und schwerfällig. Das leitete aufregende Stunden ein. Um Viertel vor Sieben erblickte der erste Welpe das Licht der Welt, nachmittags um Drei der letzte. Bella gebar sieben Rüden und drei Hündinnen. Sieben überlebten. Das war heute vor zehn Tagen. „Die Geburt der Hunde war für mich aufregender als die Geburt meiner beiden Kinder“, sagt der Bieberer Kniese, 70, mit leichtem Augenzwinkern.

Inzwischen sind die Hundeknäuel um eine einige Zentimeter gewachsen, wiegen doppelt so viel wie bei der Geburt, einige bringen es fast auf ein Kilo. Sehen und hören können sie noch nicht; Kniese hofft, dass sich diese Sinne bald entwickeln. Er hat den Hunden auch noch keine Namen gegeben. Sie sehen sich bislang zu ähnlich, als dass er sie auseinander halten könnte.

Die kleinen bayerischen Gebirgsschweißhunde sind Knieses ganzer Stolz. Für sie hat er extra eine zwei mal zwei Meter große Kiste aus Holz gebaut, die einem Sandkasten ähnelt. Auf den darin ausgelegten Handtüchern rekeln sich die Hunde, schlafen und robben mehrmals am Tag zu ihrer Mutter. An den Zitzen der vierjährigen Bella, die von einem Zuchtrüden gedeckt wurde und zum ersten Mal Welpen bekam, saugen sie Milch. Dabei wärmt sie das Licht einer Infrarotlampe, die über der Kiste hängt. Gerd Kniese hat keine Mühen gescheut. Die Welpen sollen in behüteter Atmosphäre aufwachsen, bis er sie alle im Alter von zehn Wochen an neue Besitzer abgibt. Für den stolzen Preis von 1 000 Euro. Allein: Geld reicht nicht. Kniese weiß, wie er ernsthafte Interessenten von unseriösen unterscheiden kann: „Wenn jemand als erstes die Frage nach dem Preis stellt, verkaufe ich ihm den Hund garantiert nicht.“

Wenn‘s kracht, muss er mitten in der Nacht raus

Die neuen Besitzer müssen vor allem eine Anforderung erfüllen: Sie müssen Jäger sein. Denn der bayerische Gebirgsschweißhund ist ein reinrassiger Jagdhund, den der Jäger auf der so genannten Nachsuche des geschossenen Wilds einsetzt. Wenn er das Wild nicht mit dem ersten Schuss töten kann und es verletzt flüchtet, nimmt der Hund die Fährte auf. Er wird an der Leine geführt, folgt dem Geruch des Blutes.

Doch nicht nur bei ungenauen Schüssen ist der Gebirgsschweißhund gefragt. Kniese, selbst erfahrener Jäger, erzählt, dass ihn nachts oft ein Anruf der Polizei aus dem Schlaf reißt. Und zwar, wenn ein Autofahrer ein Reh oder Wildschwein innerhalb seiner beiden Jagdreviere anfährt. Dann muss Kniese raus und Bella mit ihm. Liegt das Wild im Straßengraben, bringt er es weg. Kann es sich trotz Verletzung in den Wald retten, spürt Bella es auf. Kniese erlöst das Wild dann mit einem Schuss.

Gerd Kniese ist zuversichtlich, dass er für die im Wesen ruhigen, familienfreundlichen Hunde, die ausgewachsen etwa einen halben Meter erreichen, neue Besitzer finden wird. „Ich hoffe aber, dass die Besitzer nicht zu weit von Bieber entfernt wohnen, damit ich die Hunde noch ab und zu sehen kann“, sagt er heute schon wehmütig.

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