Warten auf das erste Baby

Offenbach ‐ Wenn unsereins umzieht, besorgt er sich einen kleinen Lkw, drei Kumpels, eine Kiste Bier - und los geht‘s. Wer dagegen bei einem Umzug die Verantwortung für hunderte kranker Menschen und hochsensibler Gerätschaften hat, muss planen wie ein Feldherr. Von Ralf Enders

Und flexibel sein: Bereits zweimal musste der Umzug des Offenbacher Klinikums am Starkenburgring in den 160 Millionen Euro teuren Neubau auf dem selben Gelände wegen diverser Mängel verschoben werden. Von Dezember auf April und schließlich auf Juni. Jetzt ist Schluss mit Nachbessern. „Diesen Umzug hält nichts mehr auf“, sagte Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer des Offenbacher Klinikums, gestern auf einer Pressekonferenz. Am Wochenende 12./13. Juni wird das deutschlandweit beachtete Großereignis über die Bühne gehen.

In der Tat: Klinikexperten und Logistiker aus der ganzen Republik haben sich angekündigt, um den ersten Komplettumzug einer Großklinik seit mehr als zehn Jahren zu verfolgen. Dr. Georg Altrock, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme, umreißt die Dimensionen: „Neben dem eigentlichen Umzug, kompliziert genug, betreiben wir zwei Tage lang zwei komplette Kliniken.“

Seit einem Jahr bereitet das Umzugsteam der Klinik mit Hilfe der Tübinger Fachfirma Teamplan die beiden Tage vor. Die Planung reicht von einer „Aufbauorganisation“ im Stammbaum-Layout über Fahrstuhl-Belegungspläne bis zu „Zwischenmahlzeiten“ für Diabetiker. Altrock: „Jeder Patient erhält ein Ticket wie im Reisebüro und eine ‚Krankenanhängekarte‘ mit allen Infos. Theoretisch könnte er damit während des Umzugs in eine andere Klinik verlegt werden.“ Soll er aber nicht.

Hunderte Bedienstete und Helfer begleiten den Transport

Bei reduziertem, aber laufendem Betrieb werden am Samstag etwa 450 und am Sonntag etwa 170 Patienten in den Neubau ziehen. In der Übergangszeit ist die Versorgung sowohl im alten als auch im neuen Haus gewährleistet. Einzig die Kapazität der Notaufnahme wird während des Umzugs der Intensivpatienten eingeschränkt sein. Doch acht Kliniken in der Region - das Offenbacher Ketteler- und alle Frankfurter Krankenhäuser - springen Altrock zufolge bei der Notfallversorgung ein.

Hunderte Bedienstete und Helfer begleiten den Transport der Kranken durch einen eigens errichteten Tunnel, der Schutz vor Wind und Wetter bietet. „Es wird kein Patient verloren gehen, niemand zu Schaden kommen, und jeder Patient wird an der richtigen Stelle landen“, so die Maxime von Geschäftsführer Schmidt. Auch der Kreißsaalbetrieb ist gesichert - und man freue sich auf das erste Baby im neuen Offenbacher Klinikum.

Auskünfte erhalten Angehörige unter Tl.: 069 / 8405-0 und auf einer an beiden Tagen laufend aktualisierten Sonderseite des Klinikums

Der Altbau wird hernach schrittweise außer Betrieb genommen. Im gleichen Maß steigt der Pegel des Alltagsgeschäfts im Neubau, und am Wochenende danach soll das neue Krankenhaus voll betriebsfähig sein. Der offizielle Start für alle geplanten Patientenaufnahmen ist der 21. Juni. Das alte Klinikum von 1974 ist dann Geschichte und ein Fall für die Abrissbirne.

Die Stadt sieht sich mit der neuen Klinik auch gerüstet für den weiterhin angestrebten Verbund mit den Wiesbadener Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken. Der Bau ist die größte Investition Offenbachs nach 1945. Schmidt bezifferte die Kosten der zweimaligen Verschiebung auf „einen mittleren sechsstelligen Betrag“. Michael Beseler, Offenbachs Kämmerer und Aufsichtsratsvorsitzender der Klinikum GmbH, bat um Verständnis: „Seit 2003 wird geplant, seit fünf Jahren gebaut. Das muss man in Relation setzen, eine Toleranz ist nötig.“

Am Umzugstag sind Besuche nicht möglich

Am zweiten Umzugstag, am Sonntag, 13. Juni, gibt es übrigens keine Toleranz, versicherten die Umzugsbeteiligten augenzwinkernd: Um 20.30 Uhr spielt Deutschland bei der Fußball-WM gegen Australien.

   Patienten, Angehörige und Innenstadtbesucher haben einiges zu beachten an den Umzugstagen Samstag, 12., und Sonntag, 13. Juni. So sind Patientenbesuche grundsätzlich nicht möglich. Das Klinikgelände darf nur von Mitarbeitern und Umzugshelfern mit Sonderausweis betreten werden. Eltern, die ihre kranken Kinder beim Umzug begleiten wollen, erhalten freilich Besucherausweise. Für Patienten und Angehörige gibt‘s in der nächsten Woche ein Info-Blatt in fünf Sprachen. Das gesamte Klinikgelände rund um Starkenburgring, Brink-, Lortzing-, Beethoven-, Frühlingsau-, Rosenau- und Sprendlinger Landstraße sowie das Parkhaus sind von Samstag, 7 Uhr, bis Sonntagnachmittag komplett gesperrt - für Besucher, Anlieferer, Taxis und Zaungäste.

Rubriklistenbild: © dpa

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